AUSSTELLUNG „BLUTIGES GOLD”

Als sich junge Männer im Tollensetal die Köpfe einschlugen

Vor mehr als 3000 Jahren kam es im Tollensetal bei Altentreptow zu einer Schlacht, von der zahlreiche spektakuläre Funde zeugen. Leider ist davon in der Ausstellung „Blutiges Gold“ im Museum Neubrandenburg nur ein geringer Teil zu sehen. Lohnt sich der Besuch trotzdem?
Blutiger Nahkampf an der Tollense, wie ihn sich ein Historienmaler vorstellt, dessen Bild im Foyer des Museums hängt. (Au
Blutiger Nahkampf an der Tollense, wie ihn sich ein Historienmaler vorstellt, dessen Bild im Foyer des Museums hängt. (Ausschnitt) Frank Wilhelm
Einer von sieben Spiralringen. Andere spektakuläre Funde von der Ausgrabung an der Tollense vermisst man leider.
Einer von sieben Spiralringen. Andere spektakuläre Funde von der Ausgrabung an der Tollense vermisst man leider. Jens Büttner
Neubrandenburg.

Schreckliche Szenen haben sich vor 3250 Jahren im Tollensetal bei Weltzin, wenige Kilometer nördlich von Altentreptow, abgespielt: Ein Trupp junger Männer nähert sich dem befestigten Damm, der damals noch quer durch das Tal führte. Plötzlich werden sie aus dem Hinterhalt beschossen. Von den Hügeln hageln Pfeile auf die Kämpfer, die zurück zur Tollense gedrängt werden. Dort entwickelt sich ein blutiger Nahkampf mit Holzkeulen, Lanzen und anderen Stichwaffen, dem Hunderte Männer zum Opfer fallen.

Auch fünf Pferde sterben, haben die Archäologen vor einigen Jahren bei Ausgrabungen anhand der Knochenfunde festgestellt. Da die Wissenschaftler nur verhältnismäßig wenig Schmuck und Waffen fanden, gehen sie davon aus, dass die Toten nach der Schlacht von den Siegern geplündert wurden.

Schriftlich belegt ist die Schlacht nicht, allein die Funde lassen Rückschlüsse auf den Verlauf und die Dimension der kriegerischen Auseinandersetzung zu. Und nicht zuletzt auf den Zeitpunkt: Der Kampf um 1250 vor Christus gilt als die älteste bekannte Schlacht Europas. „Erst die Varusschlacht und die Schlacht am Harzhorn sind zwei archäologisch nachweisbare Ereignisse von vergleichbarer Dimension – allerdings fanden sie 1300 Jahre nach dem Konflikt im Tollensetal statt“, so die Experten von der Landesarchäologie MV, die die Ausgrabung mit der Universität Greifswald verantworten.

Bis heute mehr als 12.000 Knochen geborgen

Funde und geschichtliche Hintergründe werden in der Sonderausstellung „Blutiges Gold – Macht und Gewalt in der Bronzezeit“ im Neubrandenburger Regionalmuseum beleuchtet. Erstmals ist die Schau außerhalb des Archäologischen Freilichtmuseums in Groß Raden bei Sternberg zu sehen.

Es war eine eher unscheinbare Meldung im Nordkurier 1996, die das erste Mal von dem Schlachtfeld im Nordosten Kunde gibt. Überschrift: „Pfeilspitze im Arm wirft einige Fragen auf“. Uralte menschliche Gebeine wurden immer wieder im Tollensestal gefunden. Der Knochen samt Pfeilspitze, auf den Warener Bodendenkmalpfleger gestoßen waren, wies aber erstmals auf eine kriegerische Auseinandersetzung hin.

Diese begründete Hypothese war der Auslöser für eine jahrelange systematische Untersuchung des Kampfgebietes mit erstaunlichen Ergebnissen: Mehr als 12.000 menschliche Knochen wurden bis 2019 geborgen, über 140 Individuen identifiziert. Pfeilspitzen, Holzkeulen und Goldringe wurden ebenso sichergestellt wie Überreste des Damms. Zu den bemerkenswertesten Stücken gehört der Schädel eines Mannes, in dem noch die Pfeilspitze steckte, die ihm letztlich den Garaus machte. Zuletzt hatten die Archäologen 31 weitere Objekte geborgen, die einem einzelnen gefallenen Krieger zugeordnet wurden, unter anderem eine verzierte Gürteldose, Gewandnadeln und Pfeilspitzen.

Viele bemerkenswerte Stücke fehlen

Ausreichend Funde also, die 2017 erstmals in Groß Raden zu sehen waren. Wer nun aber gehofft hatte, in der Ausstellung beispielsweise den 3250 Jahre alten, restaurierten Schädel samt Pfeilspitze zu sehen, dürfte enttäuscht sein. Lediglich sieben kleine, goldene Spiralringe aus dem Tollensetal sind zu sehen. Zudem ein nachgebildeter Ausschnitt des Ausgrabungsfeldes mit Knochen und Schädeln. Keine Pfeilspitzen aus Bronze, von denen immerhin 50 gefunden wurden. Keine Sicheln oder Messer, mit denen sich die Männer ebenfalls in die Schlacht gestürzt hatten.

Trotz der Enttäuschung: Der Besuch der Ausstellung lohnt sich. Filme und Animationen führen in die Bronzezeit und auf das aktuelle Grabungsfeld. Sie vermitteln wichtiges Wissen über den Alltag der Menschen vor mehr als 3000 Jahren. Insbesondere für Kinder werden attraktive Zugänge zu der Exposition geschaffen, die auch einen lebendigen Geschichtsunterricht im Museum garantieren würden.

Zudem präsentiert die Schau zahlreiche wertvolle Bronzezeit-Stücke anderer Fundorte: Reste eines Bronzeschwertes, auf das ein Bauer beim Pflügen seines Ackers in Crivitz gestoßen war, Schmuckstücke einer Edelfrau von einem Fundort in Neustrelitz und den Kultwagen aus Peckatel (Landkreis Ludwigslust), das bekannteste archäologische Fundstück aus MV, das bereits 1843 östlich von Schwerin entdeckt wurde. Der Wagen, eine Bronzetasse auf Rädern, gehört zu einer wertvollen Grabbeigabe, die den Toten im Jenseits als mächtigen Krieger erscheinen lassen sollte.

Für Kinder und Erwachsene gibt es zum Ticket ein interessantes Begleitheft vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, das unter anderem über Techniken und Erkenntnisse der Archäologie vor dem Hintergrund der Schlacht in der Tollense-Niederung berichtet.

Die Sonderausstellung „Blutiges Gold. Macht und Gewalt in der Bronzezeit“ ist bis zum 20. September im Regionalmuseum Neubrandenburg zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwochs bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr. Mehr Informationen gibt es direkt beim Museum.

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