LITERATUR-REZENSION

Altes Südsee-Monster gut aufgelegt

Frisch aufgetakelt: Mit Frei- und Frechheiten punktet der ozeanische Breitband-Roman „Mardi und eine Reise dorthin“ von US-Autor (und Jubilar) Herman Melville.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin. Manesse Verlag, München, 2019
Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin. Manesse Verlag, München, 2019 Manesse Verlag
Neubrandenburg.

Im Frühsommer 1847 setzte er sich hin und schrieb und schrieb. Ein Besessener, ein Fiktionsmaschinist, geradezu wortwütig. Im Herbst 1848 schrieb er: Ende. Ein 800-Seiten-Monster war erschaffen, „Mardi und eine Reise dorthin“. Der Breitband-Roman fiel zu Lebzeiten von US-Autor Herman Melville (1819-1891) bei der Kritik grandios durch, wie übrigens auch die Walfänger-Story „Moby-Dick“, nunmehr ein Welt-Klassiker. Melville, literarisch auf den Ozeanen zu Hause, starb in Verbitterung.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Leser, die heute mit dem todernst-mystischen „Moby“ ihre Problemchen haben, zu „Mardi“-Fans mutieren. Dieser Südsee-Odyssee – zum 200. Melville-Geburtstag vom deutschen Übersetzer Rainer G. Schmidt frisch aufgetakelt – lässt sich von erzkonservativen Roman-Analytikern einiges vorwerfen, nicht aber einen Mangel an Leichtigkeit, Humor, Vieldeutigkeit.

Im Wirrwarr der polynesischen Inseln

Was abgeht: Der Held und Erzähler Taji flüchtet mit einem knorrigen Kumpel von einem mauen Segler, durchkreuzt – mehr auf der Suche nach sich selbst, als ein Ziel ansteuernd – den Pazifik, verknallt sich in eine Natur-Schönheit namens Yillah, die ihm auf rätselhafte Weise abhanden kommt und also im Wirrwarr der polynesischen Idylle-Inseln gesucht werden muss. Taji tauscht des Öfteren, brutal abrupt, die Crew aus: Von Abenteurern über Ozean-Könige bis zu Allround-Philosophen – ganz wie sein rastloser Erzeuger es gerade für notwendig erachtet.

Ob Räuberpistole, Diskussion über die Götter der Welt oder zur Narretei des Lebens, ob Liebesschnulze oder ätzende Analogie zur sogenannt „zivilisierten“ Gesellschaft – der Mardi-Mahlstrom erfasst, was ihm thematisch nicht zu entkommen vermag. Melville schaudert bisweilen angesichts eigener Exzentrik und Enthemmtheit als Fabulierer: „Ich erschrecke beim Kratzen der Feder. Die Adler, die ich ausgebrütet habe, verschlingen mich.“

Hundertschaften an Fantasie-Figuren

Das ist modernes Erzählen. Die bizarre Rundreise durch das ausgedachte Archipel Mardi lässt an literarische Frei- und Frechheiten denken, die sich später „Ulysses“-Schöpfer James Joyce gestatten sollte. Sprachakrobatik, Lust an Erfindung und Lüge, Verschrobenheit, Slapstick mit tiefen Gründen.

Unmäßigkeit droht die Buchbindung zu sprengen. Es knackt im Roman-Gebälk: Von einem durchgängigen Erzählstrang zu sprechen – unmöglich. Mit Taji ist auch ein Don Quijote am Ruder, ein Simplex, Münchhausen, Dantesker. Hundertschaften an Fantasie-Figuren bevölkern den Mega-Text. Es wimmelt von Säuglingsgottheiten, Quatsch fabrizierenden Halbgöttern, alkoholsüchtigen Inselherrschern mit Filmrissen („Fünfundzwanzig Könige hatten einen in der Krone“) und normalsterblicher Belegschaft. Wenn nicht bereits geschehen, sollte sich irgendwo ein wissenschaftlicher Knecht finden, der zu Ehren seines Literatur-Professors ein Personen-Register erstellt.

Jenes Prosa-Ungeheuer hat fraglos auch eine schwache Seite. Konkret: Melvilles Schreib-Delirium beschert Längen. Wer eine schier endlose Kette von Inseln abfährt, muss mit Zwischenflauten rechnen. Das Warten auf Wind, sprich Weiterlesen, lohnt sich allemal.

Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin. Manesse Verlag, München, 2019. 832 Seiten, 45 Euro. ISBN 978 – 3 – 7175 – 2404 – 5.

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