Literatur-Rezension
Bis in den letzten Seelenknick

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Suhrkamp Verlag, 2019, Berlin. 317 Seiten, 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42852 – 8.
Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Suhrkamp Verlag, 2019, Berlin. 317 Seiten, 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42852 – 8.

Rätsel, Zwänge, Nervenkrisen: In seinem neuen Erzählband „Der Trost runder Dinge“ erweist sich der österreichische Autor Clemens J. Setz als literarische Fachkraft für unauffällige Typen mit elementarer Kenter-Neigung.

Diesen Job hat sich der Callboy mit dem Künstlernamen Jürgen anders vorgestellt. Eine Frau verlangt für gutes Geld, „es“ mit ihr im Zimmer des geistig schwerstbehinderten Sohnes zu tun. Worum es der Mutter in der Story „Zauberer“ vom österreichischen Autor Clemens J. Setz geht: Nicht um Sex-Kauf, vielmehr um Zurkenntnisnahme ihres Jungen, um die Wahrnehmung seiner Existenz. „Er bekommt nichts mit“, versichert sie – und empfindet Genugtuung, dass Beischlaf-Profi Jürgen ihr nicht traut und passen muss. Indisponiert! Er respektiert die Präsenz des Kindes.

Setz, 36 und also aus der Rolle des Wunderknaben der deutschsprachigen Literaturszene gealtert, versteht es, sein Publikum in gleichermaßen beklemmende und groteske Situationen zu schubsen. Auch in den neuen, geschickt gebauten Erzählungen, die nun unter dem Titel „Der Trost runder Dinge“ erschienen sind, leuchtet der Grazer seine oft traurigen Helden bemerkenswert tief aus – bis in den letzten Seelenknick. Die besten Stücke sind nichts für schwache Nerven, als Schlafmittel komplett ungeeignet. Kopfverdrehende Prosa, luzide Sprache.

Gefühlshaushalt durcheinander

Unauffällige Typen zeigen im Setz-Zoom eine elementare Kenter-Neigung. „Geteiltes Leid“ ist die längste Geschichte, zugleich eine der stärksten. Ein alleinerziehender Vater zweier Jungs wird von Panikattacken und Angstzuständen gepeinigt. Unter dem Mikroskop seziert er seine Gedanken und Empfindungen. Wie er darum kämpft, den Schein zu wahren, und sich, ohne die Pflichten zu vernachlässigen, über den Tag quält, ist sensibel, nachgerade penibel dargestellt. Was bewirkt: Nachdenken und Empathie.

Der Gefühlshaushalt eines Halbtagskellners geriet in der „Otter Otter Otter“-Story durcheinander. Der verliebt sich in eine blinde Frau. Deren Wohnung ist mit Obszönitäten beschmiert, verstörend. In „Kvaløya“ hat eine Reisende auf Nord-Norwegen-Tour immer ein Or an ihrer Seite. Ein Or? Ein Tier? Wesen? Offenbar wichtig für das seelische Gleichgewicht von Frauchen. Rätsel, Zwänge, Nervenkrisen.

Vernarrt in Sprachbilder

Der Alltag der Setz-Figuren ist abgründig. Der Autor zeichnet sich einmal mehr als literarische Fachkraft für Maniac-Akteure, Verzweifelte, Einsame aus – durchaus mit Sinn für Suspense, Komik und o.-henry-hafte Aha-Effekte.

Keine Erzählung gleicht der nächsten, dennoch führt eine zur anderen. Dieses Buch ist eine Wundertüte und bietet einen guten Einstieg für den Belletristik-Freund, der sein Näschen bislang nicht in einem Setz hatte. Der ist vernarrt in Sprachbilder, bringt lieber eins zu viel als zu wenig. Immer wieder werden ihm Vorbilder à la Kafka und Pynchon angedichtet. Einem (immer noch) jungen Schriftsteller kann wahrlich Schlimmeres widerfahren.

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Suhrkamp Verlag, 2019, Berlin. 317 Seiten, 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42852 – 8.