LITERATUR

Blind vier Meisterwerke diktiert

Wiederentdeckt: Eduard von Keyserlings späte Romane gehören zu den raren Glanzstücken des Impressionismus. Unter dem Titel „Feiertagskinder“ sind sie nun in einem Band erschienen. Ein Fest für literarische Gourmets!
Roland Gutsch Roland Gutsch
Eduard von Keyserling: Feiertagskinder. Manesse Verlag, München, 2019.
Eduard von Keyserling: Feiertagskinder. Manesse Verlag, München, 2019. Manesse Verlag
Neubrandenburg.

Wer sich anfixen ließ vom Band „Landpartie“ mit sämtlichen Erzählungen von Eduard von Keyserling (1855-1918), der im Vorjahr zum 100. Todestag des notorisch unterschätzten Schriftstellers erschien, darf sich nun als nachgerade beschenkt betrachten. Die Wiederentdeckung des „baltischen Fontane“ geht weiter: Unter dem Titel „Feiertagskinder“ werden die späten – mithin besten – Keyserling-Romane in einer Ausgabe mit ausführlicher Kommentierung präsentiert. Ein Fest für literarische Genießer!

Der Chronist des letzten Atemzugs deutsch-baltischer Adelskaste im Zarenreich Russland – von Thomas Mann geachtet, von Lion Feuchtwanger bewundert – hatte das heimatliche Kurland längst verlassen und lebte in München, als er sein Hauptwerk schuf. Auch die Boheme- und Caféhaus-Zeiten waren passé. In Folge einer Syphilis-Erkrankung erblindet, diktierte Keyserling seinen belletristisch ambitionierten Schwestern die Romane „Wellen (1911), „Abendliche Häuser“ (1914), „Fürstinnen“ (1917) und „Feiertagskinder“ (1918). Glanzstücke des literarischen Impressionismus. Ergo: Vier seltene Schöpfungen.

Meer sorgt für dämonischen Sound

Eine Liebe in einem entlegenen Ostsee-Badeort, die nicht sein darf. Das Meer sorgt für einen dämonischen Sound dazu, die Wellen unterspülen verknöcherte, abgelebte Moral. – Ein Dreiecksverhältnis, das tödlich enden muss. Eine kann einem nicht helfen, weil sie sich zuvor von ihm losgesagt hat und nun nicht gegen die landfeudalen Codes verstoßen darf. – Eine blutjunge Fürstin, die sich gegen die lähmende Langeweile der Schlosswelt und das Zeremoniell eines ununterbrochenen Müßiggangs auflehnt. – Ein Ehebruch und eine Flucht nach einer Familien-Tragödie aus der allzu engen Gutsherrlichkeit und der Agonie in dem Mikrokosmos.

In den wenig geschwätzigen Romanen schicksalt es heftig. Keine Stillleben. Immer finden sich alt-aristokratische Galgenvögel, vorwiegend in Rollstühlen, die sarkastisch das Generalthema ihres Erfinders verkünden. Graf Pax in „Feiertagskinder“ sagt: „Wir versinken wie in ein Grab.” Die Baronesse Arabella aus „Abendliche Häuser“ menetekelt: „Wir haben nichts anderes zu tun, als zu sitzen und zu warten, bis eines nach dem anderen abbröckelt.”

Niedergang einer dekadenten Gesellschaft

Eduard von Keyserling ist ein Meister der Balance. Kalt analytisch beobachtet er den Niedergang einer dekadenten Gesellschaft, seine Sympathie haben jene, die zu Neuem aufbrechen. Und doch ist da zugleich eine fast fatalistische Empathie für die Zurückgelassenen, deren Prägung ein anderes Leben nicht denkbar erscheinen lässt. Naturerscheinungen, die er beschreibt, Licht- und Schatteneffekte, Gartenpracht, floraler Überfluss, geradezu Farb- und Dufträusche dienen ihm nicht als bloße Dekoration oder für die Handlung aufgestellte Kulisse – sie spiegeln sich direkt in den Gefühlen der Figuren, auch den sexuellen, wieder. Das ist raffiniert komponiert und überaus suggestiv.

Schlichtes Menschlichsein, leichte Melancholie, Sinnlichkeit, eine Noblesse im Ton – Keyserlings Sprache ist formvollendet, eine Poesie seinem Schreiben selbstverständlich. Diese Sätze lohnen das Lesen und Wiederlesen.

Eduard von Keyserling: Feiertagskinder. Manesse Verlag, München, 2019. 720 Seiten, 28 Euro. ISBN 978 – 3 – 7175 – 2498 – 4.

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