Literatur

Brecht-Erbe Braun bleibt ein Unzufriedener

Kritiker der Systeme: Wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag sind Volker Brauns „Handstreiche“ erschienen. „Maximen und Moritzen“ mit Biss.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Volker Braun: Handstreiche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
Volker Braun: Handstreiche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019 Suhrkamp
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Neubrandenburg.

Flick ist angeödet. Von den Einäugigen, Zweimäuligen, Achtkantigen. Er ist ein stillgelegter Macher, in Maulfaulheit ein Meister, moralisch verschlissen. – Volker Braun, der ungebrochen Ungehorsame deutscher Gegenwartsliteratur, lässt seinen quichotinischen Helden des Schelmen-Prosastücks „Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ (2008) auferstehen aus Ruinen. Dessen Kein-Euro-Job: Der einstige DDR-Bergmann, aufs „Hartzer“-Gleis abgeschoben, soll sich mit seinem Erzeuger Braun einen Abtausch an Beobachtungen, Reflexionen und Ellbogenknuffen liefern.

„Handstreiche“ ist der Titel des Bändchens mit „Maximen und Moritzen“ von Volker Braun, das nun kurz vor seinem 80. Geburtstag am 7. Mai erschienen ist. „Flick bringt die Sache in Ordnung. Ich bring sie durcheinander. Er sucht die Teile zusammen, ich die Gegenteile.“ Schreibt Braun. Eine Intellektuellen-Ikone des geistigen Widerstands im deutschen Osten und nach der laut Braun „sogenannten Wende“ ein konsequenter Kapitalismus-Kritiker.

Ein Seelenruhestörer, nie unpolitisch

Den Umbruch 1989 kommentiert er pointiert. Sein Humor hat Bitterstoffe: „Was denn für ein Hunger? Wir hatten andere Appetite, als man mit einer Banane abspeist.“ – „Aus der Oase der Utopien in die Wüste des Wohlstands.“ ­–„Andere tauschen die Glotze aus, wir haben den Staat gewechselt. Es sind aber immer die gleichen Programme.“ Er selbst dabei sei: „Kein guter Esser“ bei reichlichen Mahlen.

Braun ist ein Seelenruhestörer, nie unpolitisch. Brecht-Erbe, skalpellscharfer Dialektiker. Mit Eigensinn ausgestattet. Unzufriedenheit, auch mit sich selbst, war und bleibt das Schreibprinzip. Seine Perspektive ist die eines (alles andere als gusseisernen) Linken.

Kein Wort Kulisse

Die Versuche, vernünftig zu sein, bewiesen doch nur, dass er ein Narr sei, so Braun, leicht kokett, über sich. Bemühungen, gegen den Zynismus anzuarbeiten, sind nicht immer von Erfolg gekrönt. Mit Mickel, Marx, Handke an der Seite streunt er in Gedanken in der Welt herum. Sein Denken ist „ohne festen Wohnsitz, gut dass die Welt ein Dorf“ sei.

Kein Wort Kulisse, nicht einmal bei den Kalauern. Man muss nicht jede Braun-Wahrheit annehmen, nicht jeden seiner Einsprüche unterschreiben – indes, diese „Rippenstöße“ haben allemal das Zeug und die Originalität, zum Begrübeln der Zeit(en) zu verleiten.

Zum runden Geburtstag ist zudem der Sammelband „Verlagerung des geheimen Punkts“ mit Schriften und Reden Volker Brauns erschienen, von den 1970ern bis ins Jetzt. Positionen, aus unterschiedlichsten Anlässen – ob als Totengeleit, Laudatio, Vortrag oder Nachwort – geäußert, setzen ein Bild dieses außergewöhnlichen Autors zusammen und erzählen anregend Literatur-, also Zeitgeschichte.

Volker Braun: Handstreiche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 98 Seiten, 18 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42849 – 8.

Volker Braun: Verlagerung des geheimen Punkts. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 320 Seiten, 28 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42875 – 7.