„BEHIND THE WALL”

Buch über Depeche-Mode-Fans in der DDR

Die britische Band Depeche Mode hatte und hat in Ostdeutschland extrem treue Fans. Zwei sehr leidenschaftliche haben aufgeschrieben, warum das so ist.
Sebastian Langer Sebastian Langer
So wie in Annaberg-Buchholz kamen Depeche-Mode-Fans Ende der 80er Jahre in der DDR zu mehr als 100 Fanclubs zusammen.
So wie in Annaberg-Buchholz kamen Depeche-Mode-Fans Ende der 80er Jahre in der DDR zu mehr als 100 Fanclubs zusammen. Archiv S. Lange / D. Burmeister
Depeche bei ihrem einzigen Konzert in der DDR am 7. März 1988 in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle.
Depeche bei ihrem einzigen Konzert in der DDR am 7. März 1988 in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle. ADN
In "Behind The Wall" (Ventil Verlag, 240 Seiten, 30 Euro) wurde der Depeche-Mode-Fankultur in der DDR ein Denkmal gesetzt.
In „Behind The Wall” (Ventil Verlag, 240 Seiten, 30 Euro) wurde der Depeche-Mode-Fankultur in der DDR ein Denkmal gesetzt. Ventil Verlag
Vor Streaming, MP3 und CDs waren selbst aufgenommene und liebevoll gestaltete Kassetten ein Muss.
Vor Streaming, MP3 und CDs waren selbst aufgenommene und liebevoll gestaltete Kassetten ein Muss. Stefan Schmidt
Dennis Burmeister
Dennis Burmeister Ventil Verlag
  Sascha Lange
Sascha Lange Ventil Verlag
Der Neubrandenburger Fanclub Rosebowl '88 organisierte viele legendäre Depeche-Mode-Partys.
Der Neubrandenburger Fanclub Rosebowl '88 organisierte viele legendäre Depeche-Mode-Partys. Archiv D. Burmeister
Neubrandenburg.

"Take my hand
Come back to the land
Let's get away
Just for one day"

(Depeche Mode, "Stripped", 1986)

Davongehen, nur für einen Tag; mit jemandem, den man liebt – das ewige Motiv Heranwachsender. Trifft es auf neuartige Musik, auf einen geloopten Motor-Sound, auf ein Video, in dem Jungs in schwarzem Leder mit einem Vorschlaghammer einen Lada auf der anderen Seite der Berliner Mauer zertrümmern und von der Macht des Augenblicks singen – dann ist das ein sehr starkes Moment insbesondere für junge Menschen in den letzten Jahren der DDR.

Mittlerweile sind diese Menschen älter geworden. Das konnte man an einem April-Abend in Rostock sehen: Sie haben Kinder, schütteres Haar, sie trinken Weinschorlen und präsentieren ihre Vorliebe für schwarze Kleidung. Vielleicht war sogar ein Pärchen da, das sich drei Jahrzehnte vorher zu „Stripped” tief in die Augen geschaut hat.

„Die Fans sind das Gedächtnis der Band”

Rund 150 kamen zu einer Lesung, in der es um eine Band ging, die sie vor langer Zeit gepackt und seither nicht mehr losgelassen hat. Aber eigentlich handelt das Buch „Behind The Wall”, aus dem einer der Autoren, Sascha Lange, an dem Abend vorlas, gar nicht so sehr von der Band, sondern von den Fans – und zwar den Depeche-Mode-Fans in Ostdeutschland.

„Die Fans sind das Gedächtnis der Band”, sagt der zweite Autor, Dennis Burmeister, und meint damit: Was in dem Buch steht, können die Künstler selbst gar nicht alles wissen – und schon gar nicht verstehen. Denn Depeche Mode waren für Jugendliche besonders in Ostdeutschland Ende der Achtziger eine Erleuchtung: nah am Zeitgeist ohne sich anzubiedern, musikalisch auf dem neuesten Stand der Technik, ohne die massentauglichen Pop-Wurzeln zu verleugnen – und dabei stets getrieben von einem unbändigen Freiheitsgeist.

Daniel Miller, Chef des damaligen Depeche-Mode-Labels Mute, prägte nicht zufällig den Satz, dass Depeche Mode wohl die größte ostdeutsche Band aller Zeiten gewesen sei. Bloß: Warum nur? Dieser Frage gehen Burmeister und Lange in „Behind The Wall” mit viel Gespür für musikhistorische und politische Entwicklungen und noch mehr Liebe zu Details und Anekdoten aus der DDR-Jugendkultur nach.

Neubrandenburger organisierten große Partys

Die Autoren beschreiben das riesige Engagement in den unzähligen Depeche-Mode-Fanclubs in der DDR, von denen einige der größten auch im Nordosten beheimatet waren: in Schwerin („Black Day I”), Rostock („101”), Friedland („Construction Time Again”), Greifswald („World in My Eyes”), Demmin („Something To Do”) oder Neubrandenburg („Rosebowl ’88). So traf sich zum Beispiel der harte Kern des Neubrandenburger Fanclubs jeden Mittwoch in der „Pauke” oder im „Mosaik” und organisierte große Depeche-Mode- und Electro-Partys im „Harmony“ oder in der BAZ-Halle.

Rund 60 Mitglieder hatte der Rosebowl ’88, viele erinnern sich heute noch an die legendären Partys. Der Fanclub arbeitete preisdeckend, bei 10 bis 15 D-Mark lag die Eintritts-Schmerzgrenze für die Partys, auf denen junge Menschen, die aussahen wie Depeche Mode, zu Depeche Mode tanzten – und zwar teilweise exakt mit den gleichen Bewegungen und Posen wie der Sänger der Band.

Rückkehr zu den Wurzeln der Fan-Liebe

Auch Dennis Burmeister war damals bei vielen DeMo-Partys in Neubrandenburg. Doch im Gegensatz zu vielen, die sich später anderen Bands zu- oder sogar von der Popmusik abwandten, erfasste den gebürtigen Malchiner eine ernsthafte
Sammelleidenschaft. Tonträger, Werbeartikel, T-Shirts, Plakate – es gibt vielleicht auf der ganzen Welt niemanden, der so viel Material von der Band zusammengetragen hat wie der 43-jährige Grafikdesigner. Und weil das so ist und das Thema „Depeche-Mode-Fans” noch genügend unerzählten Stoff birgt, ist ein nächstes Buch schon in Planung.

Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass Fans einer Pop- oder Rockband Bücher für Fans schreiben und die Band selbst dabei kaum involviert ist. Noch ungewöhnlicher ist es nur, wenn danach Tausende zu landesweiten Lesungen strömen. Und dort noch einmal zurückkehren zu den Wurzeln ihrer Fan-Liebe – wenn auch nur für einen Tag.

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