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Buch zum Kriegsende berührt Zuhörer

Die Lesung war gut besucht. Viele ältere Menschen hatten, durch ihre Eltern, persönliche Erinnerungen ans Kriegsende.
Die Lesung war gut besucht. Viele ältere Menschen hatten, durch ihre Eltern, persönliche Erinnerungen ans Kriegsende.

Am 8. Mai erinnerte der Nordkurier mit einer Lesung ans Kriegsende. Unsere Leser schildern ihre letzten Kriegstage. Darunter auch der Bericht, wie ein Schmalztiegel Leben rettete.

 Die Stimmung ist still, fast bedrückt. Alle Zuhörer schauen gespannt nach vorne, wo Frank Wilhelm, Doktor der Germanistik, vorliest. Sie fiebern mit dem 13-jährigen Ernst-August und seinem Bruder Klaus mit. Sie wollen wissen, ob auch die beiden Jungen ins eiskalte Wasser der Ostsee gestoßen werden. Oder ob sie einen Platz im rettenden Schnellboot ergattern.

Seit 70 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende – das Jubiläum wurde am 8. Mai gefeiert. Im Nordkurier-Medienhaus versammelten sich Interessierte zu einer Lesung, um des entscheidenden Tages zu gedenken. Frank Wilhelm und Anja Rau, Redakteure beim Nordkurier, lasen aus dem Buch „1945 – Zwischen Krieg und Frieden“ vor: Geschichten davon, wie unsere Leser die letzten Kriegstage erlebten. Wie sie auf Flüchtlingstrecks Furchtbares sahen – aber auch vom neuen Alltag nach der Kapitulation.

Zuschauer hören spannende Berichte

Die Geschichte von Ernst-August ist eine davon. Er und sein Bruder stammten aus Stettin und wurden während der Kinderlandverschickung an der Ostseeküste untergebracht. Die Jungen erleben, wie die Front im April 1945 immer näher rückt. Auf ihrer Flucht donnern Tiefflieger über sie hinweg, MG-Salven sausen ihnen um die Ohren und als sie den Ruf „Die Russen!“ hören, bricht Panik aus. Trotzdem kommen die beiden Jungen heil davon.

Adelgad Keitsch ist drei Tage alt, als ihre Eltern mit ihr aus Litauen fliehen. Die 70-jährige Dame ist zur Lesung gekommen, weil sie durch ihre eigene Familie viel von der schwierigen Zeit mitbekommen hat. Auch die Eltern von Zuhörer Winfried Sasse mussten fliehen. Er erhoffte sich von der Lesung spannende Zeitzeugenberichte. „Während der DDR wurde nicht von Flüchtlingen, sondern von Umsiedlern geredet“, sagt er. Genaue Einblicke in die Zeit hat er auch deshalb nicht, weil wenig darüber gesprochen
werden durfte. 

Die emotional und sehr detailliert geschilderten Erlebnisse unserer Leser machen betroffen. Man sieht die Szenen vor sich: Ein kleines Mädchen kauert vor dem Flurfenster und hört die ratternden Ketten der näherkommenden Panzer. Ein Pfarrer spielt in seiner dunklen Kirche Klavier. Um ihn hofft und bangt die betende Gemeinde, vor dem Fenster tauchen schemenhaft die Mützen der russischen Soldaten auf. 

Während der Lesung  wird auch geschmunzelt

Kein Zuhörer wirkt abgelenkt – alle hören konzentriert zu. Aber es gibt auch Anlass zum Schmunzeln. Wenn eine Großmutter aus Neubrandenburg die wirre Alte spielt, mit Nachtjäckchen und zersausten Haaren, um russische Soldaten von ihren Enkelinnen fern zu halten. Wenn ein Mann Plünderer in die Flucht schlägt, indem er kräftig in seine Trillerpfeife bläst. Die hat nämlich den gleichen Ton wie die der Militärpatrouillen. So schwer die Kriegszeit war, gab es doch immer wieder skurrile Zwischenfälle. Ein Schmalztiegel hielt einen Gewehrschuss auf und rettete einer Familie das Leben. Insgesamt 40 Leser meldeten sich auf unseren Aufruf, ihre persönlichen Erinnerungen ans Kriegsende zu schreiben.

„Das hat mich wirklich mitgerissen“, sagt eine Zuhörerin später darüber, wie Anja Rau den Geschichten der weiblichen Leser durch wechselhafte Intonation Dramatik verliehen hat. „Mich erstaunt, dass es tatsächlich noch Zeitzeugen von damals gibt“, sagt Zuhörer Stefan Jurig. Er war neugierig darauf, wie sie die Ereignisse schildern. Ob beispielsweise die vielen Feuer von russischen Soldaten oder der SS (verbrannte Erde) gelegt wurden. Auch wenn vieles nicht geklärt werden wird: Es sei wichtig, so Jurig, die Erinnerungen detailliert und vor allem differenziert zu zeigen. Die Grausamkeiten der Deutschen genauso wie Unrecht durch alliierte Soldaten.