LITERATUR

„Das Dekameron“ wieder hochaktuell

Der uralte Klassiker von Giovanni Boccacio ist in Corona-Zeiten aktueller denn je. Es geht um die Pest-Pandemie in Italien aber auch um Liebe, Sinnlichkeit und Sünden.
Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Mit fotografischen Illustrationen von Olaf Martens. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2020.
Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Mit fotografischen Illustrationen von Olaf Martens. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2020. Faber & Faber
Neubrandenburg.

Frappierend, wie exakt diese Auftaktseiten eines knapp sieben Jahrhunderte alten Erzählwerks das Spektrum an psychologischem Widerhall abzubilden vermögen, das wir in der Corona-Ausnahmesituation der Jetzt-Zeit erleben. Giovanni Boccaccio (1330 bis 1375) beginnt „Das Dekameron“ mit einer großartigen und ergreifenden Beschreibung des „Schwarzen Todes“, der verheerenden Pest-Pandemie in Italien, die der Florentiner als junger Mann übersteht. Panik, Empathie, Anarchie, Solidarität, Egoismus – die menschlichen Reaktionen auf das Sterben und die Beschränkungen im zivilen Leben Mitte des 14. Jahrhunderts kommen dem heutigen Leser seltsam vertraut vor. Ein Erstaunen stößt lebensphilosophische Gedanken an.

Frivolität und Sinnlichkeit

Allein deshalb lohnt die (Re)-Lektüre des Klassikers, dessen Novellen indes vor allem ob ihrer Frivolität und Sinnlichkeit berühmt sind. Eine nun erschienene Großformat-Neuausgabe der Sammlung befriedigt mit prächtig-nobler Ausstattung die Gelüste bibliophiler Gourmets – und baut mittels moderner Illustration eine Brücke in die Gegenwart. Der Fotokünstler Olaf Martens schafft mit einer Schar opulent kostümierter Schauspielstudentinnen und -studenten 25 Inszenierungen, die den Mix aus dekadenten Räuschen und körperbewusster Daseinsfreude darstellen. Expressive Bilder, den misslichen Umständen widerständig. Boccaccio würden sie gefallen haben. Dieses „Dekameron“ verdeutlicht dem E-Book: Hier kannst du nicht mithalten!

Sieben Damen und drei Männer

Die Konstellation: Während der Pest verlassen sieben junge Damen in Begleitung dreier Männer Florenz und begeben sich auf einen Landsitz, wo sie einander in zehn Tagen je zehn Geschichten erzählen. Darin feiert die Liebe Feste: Paarbildung als etwas Natürliches, Sinnliches, Freies, jenseits mittelalterlicher Moral-/Sünden-Vorstellungen. Mit dem sprichwörtlichen Feigenblatt wird nicht zimperlich umgegangen.

Man landet gern im Gebüsch

Man landet gern im Bett, bisweilen im Gebüsch. Nie zuvor ist die Frau in der Literatur selbstbestimmter aufgetreten. Darin erweist sich Giovanni Boccaccio als Erneuerer und der Renaissance näher als die Schriftsteller-Kollegen Dante Alighieri („Die Göttliche Komödie“) und Francesco Petrarca („Canzoniere“).

Es geht derb zu

Könige, Bauern, Handwerker, Spitzbuben, sittenstrenge und -lose Frauenzimmer, zu Fall gebrachte Hochmutige – sie alle haben ihre Auftritte. Mit bis dahin unbekanntem Realismus wird Gesellschaft porträtiert, wobei es Boccaccio mächtig schicksalen lässt. Es geht durchaus derb zu, witzig, zumindest heiter. Auch beißend ironisch bis satirisch, so sich Mönche und Nonnen irdischen Vergnügungen hingeben. Unheilige Heilige. Die katholische Kirche meinte zwischenzeitlich, die Texte „entgiften“ zu müssen.

Autor Boccaccio als Stiefkind des Glücks

Boccaccio – selbst kein Casanova, Hörner-Aufsetzer oder Lebemann, eher ein Stiefkind des Glücks – kennt sich in der elegant-höfischen Scheinwelt aus, verkehrt in Intellektuellenkreisen, lernt aber ebenso bürgerliches Sein und Wirtshaus-Existenzen kennen. Er ist ein aufmerksamer Beobachter menschlicher Schwäche und Stärke, des Verwerflichen und des Guten. Sein Markenzeichen: Mit den 100 unterhaltsamen „Dekameron“-Storys gilt er als Begründer der europäischen Novellen-Tradition.

Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Mit fotografischen Illustrationen von Olaf Martens. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2020. 336 Seiten. 78 Euro ISBN 978 – 3 – 86730 – 177 – 0

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Kommentare (1)

Was ist denn das für eine Ausgabe? 320 Seiten? In meiner zweibändigen Ausgabe (Aufbau-Verlag) haben allein der 1-5. Tag doppelt so viele. Und es sind kaum Bilder drin.