NOBELPREISTRÄGER LLOSA

Den roten Teufel an die Wand gemalt („Harte Jahre“)

In seinem Polit-Roman „Harte Jahre“ dokumentiert Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa einen Tiefpunkt in der Geschichte Guatemalas und kritisiert die bigotte Strategie der Eisenhower-USA.
Mario Vargas Llosa: Harte Jahre. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020.
Mario Vargas Llosa: Harte Jahre. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020. Suhrkamp Verlag
Neubrandenburg.

Vorsicht! Guatemala drohe, zum trojanischen Pferd der Sowjetunion zu werden. Ein kommunistischer Satellitenstaat in Mittelamerika?! – Die Eisenhower-USA ließ in den frühen 1950ern über die Propaganda-Presse den tiefroten Teufel an die Wand malen. Dass die Kampagne seinerzeit bigott, da mit knallhart ökonomischen Interessen geführt wurde, analysiert der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa (84) in seinem neuen Roman „Harte Jahre“. Nah am Doku-Stil, ohne Erzähler-Eitelkeit, ein fesselndes Stück hochpolitischer Prosa.

Die geschichtliche Situation: Jacobo Árbenz, von 1950 bis 1954 Guatemalas Präsident, setzte die Reform-Bemühungen seines Vorgängers Juan José Arévalo fort. Beiden schwebte eine moderne kapitalistische Demokratie à la USA vor. Indes: Ausgerechnet den Herrschern in den Vereinigten Staaten missfiel das gehörig. Der US-Konzern United Fruit hatte lange von der sozialen Ungerechtigkeit in Guatemala profitiert und sah nun Forderungen von Gewerkschaft, Kranken- und Rentenversicherung auf sich zukommen. Privilegien, Steuerbefreiung und Top-Verträge sollten gefälligst unangetastet bleiben. America first! Wofür jedes Mittel recht schien. Das Schreckgespenst Kommunismus – Allzweck-Argument in Kaltem Krieg und McCarthy-Ära – musste herhalten. CIA und US-Außenministerium heckten den Putsch einer „Befreiungsarmee“ aus. Árbenz wurde gestürzt, Diktator Carlos Castillo eingesetzt, später ermordet. Jahre des Terrors folgten.

Knäuel von Abhängigkeiten, Interessen und Korruption

„Unterm Strich verzögerte die US-amerikanische Intervention in Guatemala die Demokratisierung des Kontinents um Jahrzehnte und kostete Tausenden von Menschen das Leben“, schreibt Mario Vargas Llosa. Der lässt Kritiker, die seinem Alterswerk gelegentlich – nicht zu Unrecht – parfümierte Eleganz vorgeworfen haben, staunen. Wie kühl und klarsichtig der Autor die historischen Vorgänge, den Knäuel von Abhängigkeiten, Interessen, Korruption, entwirrt und dabei Schicksale historischer und fiktiver Figuren darstellt, ist große Kunst.

Miss Guatemala, eine Treibhaus-Schönheit, wird wie ein Wanderpokal von einem Protagonisten zum anderen weitergereicht. Macho-Typen offenbaren Schwächen und Zartbesaitung. Ob Anstifter, Hintermänner oder Killer – Vargas Llosa behält jeden Einzelnen im Auge und stellt eine grandiose Vielstimmigkeit her. Seine Roman-Konstruktion ist ausgefuchst, ein Verschiebebahnhof von Flashbacks und Vorausahnungen. Was einen hochkonzentrierten Leser verlangt. Der wird belohnt. Diese Lektüre macht klüger.

Kartografie der Machtstrukturen

Junta, Verschwörungen, Exil, Gewaltbereitschaft, Streitkräfte im Streit, Willkür, Knast, Spionage, Attentate, Marionetten-Präsidenten, ganz viele Verlierer: Für wen der ewig anmutende Lauf der Geschichte Zentralamerikas ein unlösbares Rätsel gewesen ist, bekommt hier eine erhellende Kartografie der Machtstrukturen geboten. Die Sprache passt sich dem Zynismus und Widerlichen jener Wirklichkeit an – mit Vulgarismen kontaminiert. Keine Wortgirlanden, keine belletristische Petitessen.

Mario Vargas Llosa war einst Journalist, später Politiker. Ein Erzähler mit bemerkenswertem Stil-Empfinden ist er seit sechs Jahrzehnten. Diese drei sind für den Roman „Harte Jahre glücklich zusammengetroffen.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre.

  • Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020
  • 411 Seiten, 24 Euro
  • ISBN 978 – 3 – 518 – 42930 – 3

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