Fernsehfilm im Ersten
Der Rostocker „Polizeiruf 110“ und sein MV-Bashing

Die Kommissare Katrin König (Anneke Kim Sarnau), Alexander Bukow (Charly Hübner, r) und Andreas Guenther (Anton Pöschel, Hintergrund) am Tatort des Krimis «Polizeiruf 110: In Flammen».
Die Kommissare Katrin König (Anneke Kim Sarnau), Alexander Bukow (Charly Hübner, r) und Andreas Guenther (Anton Pöschel, Hintergrund) am Tatort des Krimis „Polizeiruf 110: In Flammen”.
Sandra Hoever

Am Sonntag wird der nächste Rostocker „Polizeiruf 110: In Flammen“ mit Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner im Ersten ausgestrahlt. Wir haben uns den Film zusammen mit echten Polizisten angesehen.

Erst wird eine rechtspopulistische Politikerin auf brutale Weise umgebracht. Dann müssen die Kommissare aus dem Rostocker „Polizeiruf 110“ auf dem platten Land unter völkischen Siedlern ermitteln. „Es ist ein sehr düsteres Bild von Mecklenburg-Vorpommern, das der Film zeichnet“, sagt der reale Rostocker Polizeichef Michael Ebert. Er hat sich mit Polizeihauptkommissarin Isabel Wenzel vorab den neuesten Fall „In Flammen“ angesehen, der an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten gezeigt wird.

„Da bleibt nicht viel Positives übrig“, fügt Kollegin Wenzel hinzu, die als Dienstgruppenleiterin im Stadtteil Lichtenhagen tätig ist. Jener Stadtteil, der mit der rassistischen Randale 1992 traurige Berühmtheit erlangt hat.

Mord an der rechtspopulistischer Politikerin

90 Minuten haben die beiden Polizisten ihren Film-Kollegen Katrin König und Alexander Bukow, gespielt von Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner, dabei zugesehen, wie sie in ihrem 17. Fall den Mord an der rechtspopulistischen Politikerin Sylvia Schulte aufklären. Diese kandidiert für die fiktive Partei PFS um das Amt der Oberbürgermeisterin in der Hansestadt. Doch sie wird nach einer Wahlkampfveranstaltung entführt, mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt.

Schnell baut sich ein Fächer aus Personen auf, um die sich die Handlung rankt und die für Regisseur Lars-Gunnar Lotz der Ansatzpunkt für einen Blick auf die braunen Seiten Mecklenburg-Vorpommerns sind. Denn Schulte hatte Beziehungen zu völkischen Siedlern im weiten flachen Land Mecklenburg-Vorpommern, wie sie sich auch tatsächlich dort niedergelassen haben. Ob in den realen Küchen allerdings ein Adolf-Hitler-Porträt hängt, ist nicht bekannt. Im „Polizeiruf 110“ gibt es Ansichten von Rostock oft nachts, die völlig humorfreien Menschen scheinen in graue Farbe getaucht zu sein.

Kein Klischee ausgelassen

Jedenfalls lässt der Film nach Ansicht der beiden Polizisten kein Klischee aus, mit denen der Nordosten immer noch gerne gesehen wird: eine starke rechte Szene, immerhin ist die AfD die zweitstärkste Partei im Schweriner Landtag, völkische Siedlergemeinschaften, Rassismus gegen Flüchtlinge oder Abzocke mit Flüchtlingsheimen. Natürlich gebe es das alles in auch in echt, sagt Ebert, der zusammen mit seiner Truppe immer wieder bei großen AfD-Demonstrationen für Ordnung sorgen muss.

Doch er und Wenzel sehen die Darstellung der Polizeiarbeit in Kriminalfilmen kritisch – die Mühsal der Ermittlungen ließe sich eher in Dokumentationen zeigen. So arbeiten an der Aufklärung eines Mordfalls in Wahrheit bis zu 20 Polizisten. Im Film sind es weit weniger. „Da sträuben sich die Nackenhaare, das hier hat mit der Realität aber so überhaupt nichts zu tun“, betont Ebert.

Echte und fiktive Polizeiarbeit

Schon der Umgang im Team, wenn jeder kommt und geht, wie es ihm passt, oder der Chef angeschnauzt wird – es ist halt Film. Wenzel fragt sich, welcher Eindruck beim Zuschauer zurückbleibe, wenn Bukow einen am Boden liegenden Mann mit entsicherter Pistole vor der Nase zu einer Aussage zwingen will.

Dass die beiden Film-Kommissare, die seit 2010 zusammen Verbrechen aufklären, noch immer „per Sie“ sind, findet Wenzel ebenfalls unrealistisch. Ob das TV-Duo durch das Disziplinarverfahren, dem es sich wegen eines Vorfalls in einer vorausgegangenen Sendung gegenübersieht, zusammenschweißt? Ein kleiner Annäherungsversuch Bukows wird von König jedenfalls ignoriert. Vielleicht ein Thema für den 18. Fall.

Rechte Ideologen sind im Ersten kein völlig neues Thema – und auch keins, das auf Mecklenburg-Vorpommern beschränkt wäre. Ein paar Beispiele: Der „Tatort: Freies Land“ aus München am vergangenen Sonntag spielte in der rechten Reichsbürger-Szene, der „Tatort: Sonnenwende“ Anfang Mai unter Neonazis und völkischen Bio-Bauern im Schwarzwald. Im „Tatort: Dunkle Zeit“ mit Wotan Wilke Möhring im Dezember ging es um den Mord am Ehemann einer rechtspopulistischen Politikerin, der bei einer Bombenexplosion ums Leben kommt, und um die Machenschaften einer rechtspopulistischen Partei beim Wahlkampf in Niedersachsen.

Im vergangenen Jahr hat der Polizeiruf übrigens auch ein düsteres Bild von der Uckermark gezeichnet.

Kommentare (1)

Zu DDR-Zeiten waren Fernsehfilme Propaganda, wie "Der Staatsanwalt hat das Wort", wo nach dem Film der Staatsanwalt in ernster Predigerlaune aus der Mattscheibe guckte und fragte:"Haben wir nicht alle Schuld?"