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Der schonungslose Blick in die eigene Seele

Pfarrer Stig (Michael Kleinert) laufen immer mehr Schäfchen seiner Kirchengemeinde weg. Selbst als ihn seine Frau Inger (Karin Hartmann) auf seine Bigotterie aufmerksam macht, verschließt er die Augen vor der Realität.
Pfarrer Stig (Michael Kleinert) laufen immer mehr Schäfchen seiner Kirchengemeinde weg. Selbst als ihn seine Frau Inger (Karin Hartmann) auf seine Bigotterie aufmerksam macht, verschließt er die Augen vor der Realität.
TOG/Tom Schweers

Bloß Musik. Von wegen! Das Stück „Wie im Himmel“ zeigt, wie sehr Melodien und Lieder unser Leben beherrschen und was sie mit uns anstellen. Das Neustrelitzer Ensemble verblüfft in der Inszenierung die Zuschauer.

Neustrelitz. Schwarz also, das vor allem, ist die Bühne. Freigeräumt, offen bis zum Horizont. Verloren in einer Welt aus Nichts. Das Publikum schaut auf ein bedrohliches Szenario und ihm wird schnell klar: Dieser Abend wird aufrüttelnd, aufwühlend. Und – man darf es jetzt schon verraten – die Premiere des Musikdramas „Wie im Himmel“ im Neustrelitzer Landestheater gerät so unglaublich emotional, wie Theater nur sein kann. Einfach formidabel!

Einsam und verlassen sitzt Dirigent Daniel Daréus also in diesem schwarzen Loch in sich zusammengerollt da, versteht den Sinn des Lebens, den Sinn seiner Arbeit nicht mehr. Die Musiker von heutzutage rotzten alles nur noch dahin. Ohne Liebe. Ohne Gefühle. Ohne Verstand. Alles nur noch schnellschnell. Nur der Erfolg zählt. Dieses Hirn- und Bedeutungslose macht ihn kaputt. Ihn, der Melodien liebt, der Lieder lebt, der mit ihnen Sehnsüchte ausdrückt. So kann das nicht mehr weitergehen. Also beschließt Daniel, seinem erfolgreichen Jetset-Leben als Star-Dirigent den Rücken zu kehren und in seinem kleinen, spießigen Heimatdörfchen als schlecht bezahlter Kantor noch einmal von vorne zu beginnen.

Mit dem Dorfchor möchte er all das ausleben, das ihm im Korsett der professionellen Musikwelt abhandenkam. Mit unkonventionellen Methoden führt er die einzelnen Mitglieder ans Singen heran. Gerade deshalb muss er schnell erkennen, dass jeder Einzelne Probleme, Vorurteile, Hemmungen, Verlust- und Berührungsängste mit sich herumträgt, die den Zugang zur Musik versperren.

Sehr emotionales und meisterhaftes Spiel

Hier setzt die Inszenierung von Regisseurin Isolde Wabra ein. Sie hat ein unglaubliches Konstrukt von vielen, vielen Charakteren entwickelt. Jede einzelne Figur ist bis ins Detail ausgearbeitet. Jede einzelne Figur überzeugt und ergreift. Das Ensemble zeigt, was es kann. Es spielt vielschichtig, wandlungsfähig als würde es sich um eine Bewerbung handeln, bei der es darum geht, alle Facetten zu zeigen. In vielen Rollen erkennt sich der Zuschauer wieder, was ihm die Tränen in die Augen treibt. „Wie im Himmel“ beschreibt schamlos ehrlich den Alltag – das Leben. Mit allem Auf und Ab.

Wen soll der Kritiker also als Erstes nennen? Michael Goralczyk, der einen zartbesaiteten Daniel Daréus gibt, eine schrecklich schreckhafte Künstlerseele, die an beiden Enden für die Musik brennt? Oder doch eher Fabian Quast? In keiner Inszenierung in den vergangenen Spielzeiten überzeugte er dermaßen wie in der Rolle des geistig und körperlich behinderten Tore. Von der ersten Sekunde, als er mit spastischen Lähmungen und Sprechstörungen auf die Bühne schlurft, ist er eins mit seiner Rolle. Keinen Augenblick gibt er sie auf. Er pinkelt vor Angst sogar in die Hose. Diese Herabwürdigung muss man auch als Schauspieler auf der Bühne erst einmal aushalten. Anhänglich, liebevoll, fürsorglich und unglaublich liebenswert sind behinderte Menschen. Genau so spielt Quast seinen Tore. Es fehlen einem die Worte!

Oder Anika Kleinke, die als Gabriella die Schläge ihres Mannes ertragen muss und täglich mit neuen Striemen, Verletzungen und Blutergüssen zu den Chorproben kommt. Sie formt ein Persönchen, das durch die Musik über sich hinauswächst. Wow! Thomas Pötzsch gibt den gewalttätigen Conny. Wie überzeugend er spielt, zeigt sich beim Schlussapplaus, als das Publikum ihn lieber ausbuhen als hochleben lassen würde.

Oder Karin Hartmann, die ihre Inger einerseits lüstern anlegt. Andererseits aber gnadenlos die Bigotterie des dörflichen Kirchenlebens in Person ihres Mannes und Pfarrers Stig (konservativ, akkurat, verlogen: Michael Kleinert) aufspießt. Da gibt’s zu Recht Szenenapplaus.

Starkes Miteinander der Außenseiter

Ach, wer und was wäre noch alles zu loben: Lisa Voß, die die schönste Gesangsstimme des Ensembles besitzt. Denn es geht – wollen wir es nicht vergessen – auch und vor allem um die Magie des Singens. Sven Jenkel, der als nerviger Arne immer wieder die Situationen schmeißt. Martina Blocks herzerfrischende, lebensfrohe Amanda. Isolde Wabra erzählt höchst einfühlsam die Geschichte
von Außenseitern und ihren Problemen.

Die Neustrelitzer Version von „Wie im Himmel“ geht behutsam vor. Immer wieder fühlt sich das Publikum an „Sister Act“ erinnert. Auch dieses Stück macht deutlich, dass es schwer ist, das Vertrauen und die Zuneigung von Menschen zu gewinnen, aber wie unendlich schön sich das Leben präsentiert, wenn man sich auf die Gemeinschaft verlassen kann. Das Schlussbild des Chores, dem sich immer mehr Mitglieder anschließen und die Masse dem Zuschauer friedvolle Lieder entgegenschmettert, drückt einem vor Gefühlen fast das Herz ab.

Weitere Aufführungen am 17.4., 25.4., 3.5., 8.5., Landestheater Neustrelitz.