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Der tragischste Moment des ZDF-Showklassikers

Zwei Mal geht der Sprung gut, ein Mal bricht Samuel Koch ab, der vierte Sprung wird ihm zum Verhängnis. Er stürzt, bleibt am Boden regungslos liegen. Bis heute ist er gelähmt.
Zwei Mal geht der Sprung gut, ein Mal bricht Samuel Koch ab, der vierte Sprung wird ihm zum Verhängnis. Er stürzt, bleibt am Boden regungslos liegen. Bis heute ist er gelähmt.
Oliver Berg

Samuel Koch ist seit vier Jahren eng mit dem Schicksal von „Wetten, dass..?“ verbunden. Sein Auftritt mit Sprungfedern veränderten die Sendung und sein Leben kolossal.

4. Dezember 2010, 20.33 Uhr, Düsseldorf:

Moderator Thomas Gottschalk kündigt Samuel Koch an. Der 23-jährige Student wettet, dass er auf futuristisch anmutenden Sprungfedern, sogenannten Powerizern, mit einem Salto über Autos springt, die auf ihn zufahren. Fünf Mal in vier Minuten möchte er das schaffen. Ein Traumkandidat für „Wetten, dass..?“. Eigentlich. Beim ersten Versuch klappt alles. Den zweiten Anlauf bricht er ab. Er kommt mit den Laufschritten aus dem Rhythmus. Das dritte Mal geht gut. Dann kommt Wagen Nummer vier. Am Steuer sitzt der Vater des Kandidaten. Er hat an diesem Abend Geburtstag. Thomas Gottschalk frotzelt: „Was für ein Gefühl muss das für einen Vater sein, wenn einem der eigene Sohn vors Auto läuft.“ Im Hintergrund dramatische Musik. Der junge Mann aus Efringen-Kirchen bei Lörrach in Baden-Württemberg läuft an, springt ab. Nun wechselt die Kameraeinstellung. Der Zuschauer blickt durch die Windschutzscheibe, sieht genau, wie Samuel beim Salto das Dach touchiert.

Schnitt.

Samuel Koch liegt regungslos da.

Schnitt.

„Germany’s Next Topmodel“ Sara Nuru sitzt auf der Wettcouch, reißt die Augen auf, hält sich die Hände vor den Mund.

Schnitt.

Die Kamera schwenkt ins Publikum, wo die ersten aufstehen, sehen wollen, was passiert. Im Hintergrund ist Thomas Gottschalk zu hören. „Wehgetan?“, fragt er, ohne wohl selbst den Ernst der Lage sofort zu realisieren. Michelle Hunziker ruft eilends: „Sofort ein Arzt!“ Ein Sanitäterteam mit Trage läuft durchs Bild.

20.45 Uhr. Die Regie befiehlt, die Sendung zu unterbrechen.

Schnitt.

Gottschalk moderiert ab. Das ZDF ist für solche Eventualitäten gerüstet. Immer liegt ein Notfallband bereit – auch wenn es eigentlich für technische Pannen gedacht ist. Die folgenden 30 Minuten bekommt der Zuschauer zu Hause „Stars und Musik“ aus vergangenen „Wetten, dass..?“-Sendungen zu sehen. Der Mainzer Sender will alles richtig machen. Und macht doch alles falsch. Das erste Stück von Modern Talking heißt „Win The Race“ („Gewinne das Rennen“). Kurze Zeit später singen Boyzone „No Matter What“ („Egal, was“), deren Hauptsänger Stephen Gately ein Jahr zuvor mit nur 33 Jahren starb.

Danach schaltet die Regie wieder nach Düsseldorf, und Thomas Gottschalk, der sichtlich durch den Wind ist, verkündet: „Wir werden jetzt diese Sendung an dieser Stelle hier abbrechen. Alles andere wäre falsch. Gerade wir im ZDF fühlen uns verantwortlich, hier nicht auf heiter zu machen, wenn wir nicht heiter sind. Ich weiß, dass Sie mich verstehen, ich bedanke mich.“ Abbruch der Sendung – das gab es in der Geschichte der Erfolgssendung noch nie.

Auswirkungen

8,13 Millionen Zuschauer saßen an diesem Abend vor dem Fernseher und erlebten, wie die ZDF-Show ihre Unschuld und Leichtigkeit verlor. Es war Thomas Gottschalks kürzester, aber auch schwierigster „Wetten, dass..?“-Abend, vermutlich sogar der Tiefpunkt seiner großen Medienkarriere. Samuel Kochs Name ist seit vier Jahren eng mit dem Schicksal des ZDF-Unterhaltungsklassikers verbunden. Obwohl es unglaublich schwer für den inzwischen 27-jährigen, gelähmten Schauspieler sein wird, tritt er an diesem Samstag in der Finalshow noch einmal auf. „Weil das Ende von ,Wetten, dass..?‘ auch das Ende eines Lebensabschnitts von mir ist. Wir verabschieden uns voneinander“, erklärt Koch.

Gottschalk verabschiedete sich schon 2011

Seinen Unfall nahm Thomas Gottschalk bereits im Februar 2011 zum Anlass, seinen Rücktritt von der Moderation der Show zu nehmen. Gottschalk ließ sich mit Tränen in den Augen und unter minutenlangem Applaus des Saalpublikums für fast 25 Jahre „Wetten, dass..?“ feiern. „Ich habe es für Sie gemacht“, sagte er nach drei Stunden Show. „Und ich habe es gern gemacht.“ Die Sendung werde weitergehen, auch ohne ihn. „Wir alle sind nur Spuren im Sand. Es läuft Wasser drüber und es kommen andere Spuren. Es kommen andere und mit denen wird das Publikum Spaß haben.“

Doch so kam es nicht. Stattdessen begann das ZDF eine unsägliche Nachfolgersuche – öffentliche Demütigungen, Peinlichkeiten und Bloßstellungen inklusive. Der Mainzer Sender reichte den Moderatorenjob monatelang herum wie eine heiße Kartoffel, und keiner mochte ihn.

Jörg Pilawa – nicht interessiert. Barbara Schöneberger – wollte nicht. Michael „Bully“ Herbig – lehnte dankend ab. Ina Müller – sagte deutlich nein. Johannes B. Kerner – war schnell aus dem Rennen. Anke Engelke, eine der aussichtsreichsten und talentiertesten Kandidatinnen – gab dem ZDF einen Korb. Hape Kerkeling, der die Show sicher wunderbar hätte weiterführen können – winkte sofort ab.

Moderator von „Wetten, dass..?“ war Jahre zuvor einer der größten Wünsche von vielen Entertainern und Nachwuchs-Präsentatoren. Jetzt wollte keiner. Am Ende zauberte ZDF-Intendant Thomas Bellut Markus Lanz aus dem Hut. Von Anfang an haftete ihm der Makel der zweiten Wahl an. In welches Quotental er das einstige Flaggschiff führte, ist ab diesem Samstagabend Fernsehgeschichte.

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