Thomas Pötzsch und seine Partnerin Angelika Hofstetter bei den Proben zu Woyzeck.
Thomas Pötzsch und seine Partnerin Angelika Hofstetter bei den Proben zu Woyzeck. Frank Wilhelm
Zuletzt war Thomas Pötzsch auch in dem Musical „Das Testament der Tante Abigail” zu erleben.
Zuletzt war Thomas Pötzsch auch in dem Musical „Das Testament der Tante Abigail” zu erleben. Ulrike Kielmann
Thomas Pötzsch (links) als Hauptmann von Köpenick zusammen mit Michael Goralczyk 2014 im Schauspielhaus.
Thomas Pötzsch (links) als Hauptmann von Köpenick zusammen mit Michael Goralczyk 2014 im Schauspielhaus. joerg metzner
Thomas Pötzsch zusammen mit Oliver Trautwein bei den Proben.
Thomas Pötzsch zusammen mit Oliver Trautwein bei den Proben. Frank Wilhelm
Schauspieler Thomas Pötzsch

Der Woyzeck – die wunderbarste Theaterrolle überhaupt

Vor mehr als 30 Jahren ist dem Neustrelitzer Schauspieler Thomas Pötzsch die tragische Figur aus der Feder von Georg Büchner das erste Mal begegnet. Nun hat er zum zweiten Mal die Hauptrolle übernommen.
Neustrelitz

Thomas Pötzsch rauft sich die Haare. Zum dritten Mal hat er zusammen mit seiner Partnerin Angelika Hofstetter eine Szene aus Woyzeck auf der Probebühne des Landestheaters Neustrelitz durchgespielt und Regisseur Oliver Trautwein ist immer noch nicht zufrieden. Thomas Pötzsch gibt Franz Woyzeck, den armen, den verwirrten, den von allen verlachten Soldaten.

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Angelika Hofstetter mimt die Marie, seine Freundin, die ein Baby von ihm hat und doch auch mehr als ein Auge auf den schmucken Tambourmajor geworfen hat. Es kriselt zwischen Franz und Marie, nicht zuletzt, weil Woyzeck kaum genug Geld ranschaffen kann, um sein Kind und die Gefährtin zu ernähren.

Der arme Soldat will den Teufel gesehen haben

Die Beziehung schwankt zwischen langsam vergehender Zuneigung und einer immer stärker werdenden Abneigung. Und genau diese Ambivalenz sollen Angelika Hofstetter und Thomas Pötzsch darstellen, fordert Trautwein bei der Probe ein. Denn auch wenn Marie mit dem Major flirtet, mag sie ihren armen Soldaten doch noch ein bisschen. „Was hast du Franz? Du bist hirnwütig Franz“, fragt sie zärtlich. Der scheint tatsächlich zu halluzinieren: „Du hast ein roten Mund, Marie. Keine Blase drauf? Adieu, Marie, du bist schön wie die Sünde – Kann die Todsünde so schön sein?“ Zugleich will er den Teufel gesehen haben.

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Trautwein diskutiert nach der vierten Wiederholung der Szene erneut mit seinen beiden Hauptdarstellern. Der Regisseur schlägt vor und verwirft. Auch die Schauspieler kommen mit Ideen. „Vielleicht soll ich versuchen, sie zu küssen“, fragt Pötzsch und nähert sich, nun schon wieder ganz der Woyzeck, seiner Marie. Trautwein schüttelt den Kopf. Noch einmal das Ganze. „Das Gerangel am Ende könnt ihr heftiger spielen!“ Marie und Franz werden gegeneinander handgreiflich. Das Tischtuch ist längst zerschnitten.

Das ist die schönste Probenphase

Nach einer Stunde Probe gibt es eine Pause. Pötzsch schnappt sich seine Tasse mit dem längst kalten Kaffee und strebt zur Kantine. Angegraute Haare und Bart aber schnellen Schrittes lässt sich der 62-Jährige nicht aufhalten. Ist dieses ständige Wiederholen, diese Suche nach Nuancen und Varianten nicht nervig? „Keinesfalls“, schüttelt Pötzsch mit dem Kopf. „Das ist die Probenphase, die am meisten Spaß macht. Das ist kreative Arbeit.“ Jetzt entscheide sich, wie das Stück am Ende beim Publikum ankomme.

Viele werden das Drama „Woyzeck“ aus der Feder von Georg Büchner (1813-1837) aus der Schulzeit kennen. In der DDR beispielsweise war das harte Kost in der Oberstufe, zumal Dramatik ob der Form ohnehin eher ins Theater als ins Klassenzimmer gehört. Büchner, der nur 23 Jahre alt wurde, erlebte die Veröffentlichung seines fragmentarischen Stückes nicht mehr.

1897 wurde es das erste Mal gedruckt, 1913 in München uraufgeführt. Bis heute gehört es zu den meistgespielten Dramen auf deutschen Bühnen, was auch daran liegt, dass die Motive Woyzecks für den Mord an Marie vielschichtig sind: Eifersucht, seine Schizophrenie und der Protest gegen die Demütigung durch die Vorgesetzten, die Bessergestellten, die Gesellschaft. Ein Klassiker, der auch den Lebensweg von Thomas Pötzsch mehrfach gekreuzt hat.

Vor 20 Jahren hat Pötzsch schon mal den Woyzeck gespielt

Das erste Mal im Wendejahr an dem Berliner „theater 89“, wo er mehrere kleine Rollen in dem Stück übernahm. Schon damals habe ihn die Poesie des Textes fasziniert. Zehn Jahre später spielte er selbst den Woyzeck in der Inszenierung am Theater Parchim. Ganz klassisch am historischen Hintergrund des im frühen 19. Jahrhundert spielenden Stückes orientiert.

Damals in Parchim wurde ihm bewusst, welche „Essenz“ in den „kurzen intensiven Szenen“ steckt. „Für mich ist das das genialste Stück der Welt“, schwärmt Pötzsch, der schon in so viele verschiedene Rollen in seiner fast 40 Jahre langen Laufbahn als Schauspieler geschlüpft ist.

Regisseur versetzt das Stück bewusst ins Heute

Als die Theater und Orchester GmbH (TOG) Neubrandenburg/Neustrelitz das Werk in den Spielplan 2021/22 aufnahm, konnte Pötzsch nicht ahnen, dass ihm die Rolle des Woyzeck angetragen wird. Der Soldat ist in dem Stück um die 30 Jahre alt und wird in der Regel mit jüngeren Schauspielern besetzt. Trautwein hat sich bewusst für einen etwa 30 Jahre älteren Schauspieler entschieden, will er doch die aktuelle Situation in Deutschland spiegeln.

„Das Schicksal Woyzecks ist für mich ein Symbol für unsere empathielose Gesellschaft – in Neubrandenburg, Neustrelitz oder Berlin“, sagt Trautwein. Es gebe so viele Woyzecks in diesem reichen Land. „Wenn ich in Berlin aus dem Hauptbahnhof komme, sehe ich sie doch gleich, die Bettler, die Obdachlosen. Das System wird immer kapitalistischer.“ Und es vergesse die Älteren.

Pötzsch kann mit dieser gewollten Aktualisierung gut leben. „Ich habe das Gefühl, dass die Geschichte von Woyzeck trotzdem das Gleiche ausdrückt. Man kriegt das nicht kaputt.“ Die Premiere ist am Freitag, 22. Oktober um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Neubrandenburg. Weitere Aufführungen gibt es am 31.10 sowie am 21.11. jeweils um 16 Uhr im Schauspielhaus.

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