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Die Bücher waren sein großer Trost

 Reich-Ranicki             
 Marcel Reich-Ranicki ist im Alter von 93 Jahren verstorben.  
Frank May

Er wurde verehrt und gefürchtet zugleich: der Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Nun ist er mit 93 Jahren gestorben.

Bei Büchern gab es für Marcel Reich-Ranicki wenig Kompromisse: Sie wurden entweder zerrissen oder über den grünen Klee gelobt. Deutschlands berühmtester Literaturkritiker war hoch geachtet und gefürchtet zugleich. Jetzt ist seine Stimme für immer verstummt. „MRR“, der 1938 in Berlin als Jude nicht studieren durfte und später zahlreiche Ehrendoktortitel erhielt, starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren in Frankfurt. Im März hatte er seine Krebs-Erkrankung öffentlich gemacht.

Auch im hohen Alter war er noch eine Instanz der Literaturszene. „MRR“ war nicht nur viele Jahrzehnte der deutsche Literaturpapst, er war auch ein „begnadeter Entertainer“, wie ihn Thomas Gottschalk an seinem 90. Geburtstag in der Frankfurter Paulskirche bewundernd nannte. Wie kein anderer deutscher Intellektueller schaffte er es, das spröde Medium Buch im Fernsehen populär zu machen. Das „Literarische Quartett“ im ZDF, das Reich-Ranicki fast 14 Jahre lang moderierte, war für Millionen Menschen immer eine große Unterhaltungsshow. Von 1988 bis 2001 wurden in 77 Sendungen rund 400 Bücher besprochen. Im August 2006 erklärte Reich-Ranicki seinen endgültigen Abschied vom „Quartett“.

„Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers“

Ein halbes Jahr zuvor war Reich-Ranicki nach einer Sendung zum 150. Todestag von Heinrich Heine mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus gekommen. Seitdem galt er als gesundheitlich angeschlagen. Im April 2011 starb seine Frau Teofila („Tosia“) im Alter von 91 Jahren. Mit ihr war er einst aus dem Warschauer Ghetto geflüchtet. Alt werden sei fürchterlich, räumte er in den vergangenen Jahren schonungslos ein. Der Tod sei sinnlos und er müsse täglich daran denken, sagte der Skeptiker, der nicht an Heilsversprechen wie an ein überirdisches Weiterleben glaubte.

Des Kritikers fuchtelnder Zeigefinger, sein leichtes Lispeln und die etwas krächzende, aber durchdringende Stimme waren Markenzeichen, die oft auch parodiert wurden. Natürlich brauchte „MRR“, der sich virtuos in Szene zu setzen wusste, Sparringspartner: Im „Quartett“ waren dies Hellmuth Karasek, die Reich-Ranicki wenig zugetane Sigrid Löffler – zum Schluss durch Iris Radisch ersetzt – und ein Gast.

Reich-Ranickis Urteil war oft hart, gelegentlich unfair. Verquaste Floskeln waren nicht sein Ding. Er schrieb, wie er sprach: direkt und unverblümt, aber rhetorisch geschliffen. „Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe“, lautete sein Credo. Allerdings lasse sich dabei Grausamkeit „leider nicht immer ausschließen“.

Das bekamen unzählige Schriftsteller zu spüren, allen voran Günter Grass. Dessen Roman „Ein weites Feld“ bescheinigte er 1995, das Buch sei „wertlose Prosa, langweilig von der ersten bis zur letzten Zeile, unlesbar!“ Der gekränkte Literatur-Nobelpreisträger warf dem Kritiker Größenwahn vor. Erst 2002 kam es zu einer Annäherung. Zum 80. Geburtstag von Grass würdigte Reich-Ranicki dann den Autor als „nach wie vor bedeutendsten deutschen Schriftsteller“. Ein Gedicht von Grass, in dem dieser Israel vor einem atomaren Erstschlag gegen den Iran warnte und den jüdischen Staat zur Bedrohung für den Weltfrieden erklärte, bezeichnete Reich-Ranicki als „ekelhaft“.

Ihm gelang die Flucht aus dem Warschauer Ghetto

Ihn verband auch mit Martin Walser eine jahrelange Fehde. Diese gipfelte 2002 in Walsers Skandalbuch „Tod eines Kritikers“, das wegen Antisemitismusvorwürfen beinahe nicht gedruckt worden wäre. Darin kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode, unschwer als „MRR“ zu erkennen. Er und seine Frau Tosia seien von dem Buch „tief getroffen“, schrieb Reich-Ranicki bitter. Angesichts seiner Vita, die er 1999 in seiner Bestseller-Biografie „Mein Leben“ beschrieb, ist das verständlich: Nach der Geburt in Polen siedelte der junge Marcel mit seiner jüdischen Familie nach Berlin um. Die Nazis wiesen ihn 1938 nach dem Abitur nach Polen aus. Aus dem Warschauer Ghetto floh er 1943 mit seiner Frau. Das Paar überlebte in Verstecken. Reich-Ranickis Eltern und die von Tosia wurden Opfer des Holocaust. In seinem letzten großen öffentlichen Auftritt schilderte „MRR“ im Bundestag am 27. Januar 2012 – dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – in bewegenden Worten, wie im Juli 1942 die Deportation der Warschauer Juden begann.

Reich-Ranicki war 1949 über die Arbeit in Polens kommunistischem Geheimdienst und im diplomatischen Dienst nach Warschau zurückgekehrt. 1950 wurde er aus seinen Ämtern entlassen und aus der KP wegen „ideologischer Fremdheit“ ausgeschlossen. Schon lange ein Liebhaber deutscher Literatur, begann er als Lektor und Schriftsteller zu arbeiten. 1958 kam er für immer nach Deutschland und machte sich als scharfzüngiger Kritiker bei der „Zeit“ in Hamburg einen Namen. Von 1973 bis 1988 leitete er die Literaturredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das große Publikum fand er aber mit dem „Literarischen Quartett“. Reich-Ranickis Leben hieß Lesen und Schreiben. „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ sei sein Motto, sagte er einmal. Wegen seiner Arbeitswut konnte sich der rastlose „MRR“ nicht wie andere aufs Altenteil zurückziehen.

„Ein glücklicher Mensch bin ich nicht“

Der Literaturkritiker lebte viele Jahrzehnte lang mit seiner Frau Tosia in Frankfurt. Der einzige Sohn des Paares arbeitet als Mathematikprofessor in Großbritannien. „Nein, ein glücklicher Mensch bin ich nicht“, gestand Reich-Ranicki zu seinem 85. Geburtstag. Aber er fand auch Trost – in der Literatur. Schließlich seien die großen Schriftsteller wie Kafka oder Thomas Mann nie glücklich gewesen. „MRRs“ Wirken wird weiterleben. An der Universität Tel Aviv wurde im März 2007 ein nach Reich-Ranicki benannter Lehrstuhl für deutsche Literatur eingerichtet.