LITERATUR

Die Bruchstellen der Liebe – Robert Fords „Irische Passagiere”

Die Erzählungen in dem Band „Irische Passagiere“ von US-Großautor Richard Ford drehen sich um vertrackte Frau-Mann-Verhältnisse, unglückliche Ehen und glückliche Trennungen.
„Irische Passagiere” – ein ausgefeiltes, feines Stück Literatur, findet Nordkurier Reporter Roland Guts
„Irische Passagiere” – ein ausgefeiltes, feines Stück Literatur, findet Nordkurier Reporter Roland Gutsch. Hanser Verlag, Berlin, 2020
Neubrandenburg.

Im zweiten Sommer nach dem Suizid seiner Frau Mae, die dem Brustkrebs zuvorgekommen ist, mietet sich Peter Boyce in eine ramponierte Ferienhütte ein. Der Anwalt führt ein abgeschottetes Leben und fragt sich, ob es ihm überhaupt möglich sei, über den Verlust hinwegzukommen. Die Liebe zur eigenwilligen, unberechenbaren, nicht einmal warmen oder gar herzlichen Mae, die aus Westirland stammt und in ihrer letzten Phase geradezu grob offen werden konnte, hält über den Tod hinaus. Peter liest „Mr. Dalloway“, den Longseller von Virginia Woolf. Und eine weitere Frau hilft ihm, eine junge, die er in einer Spelunke aufgabelt und aus einer Klemme befreien muss. – „Der Lauf deines Lebens“ heißt diese komplett klischee-freie Story von US-Autor Richard Ford (76), sie ist die längste und zugleich beste der neun Geschichten seines neuen Bandes „Irische Passagiere“. Ein ausgefeiltes, feines Stück Literatur.

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Sensible Typen, leicht moll-gestimmt

Ford, der zu den besten Prosa-Schriftstellern seiner Generation zählt und mit vier Romanen um den Sportreporter und späteren Immobilienmakler Frank Bascombe zu Weltruhm kam, erweist sich auch als Spezialist der kleinen Form. Es sind nicht mehr, wie einst, die notorisch klammen und angeschmutzten Helden, die er in emotionale Krisen stürzen lässt. Um Frau-Mann-Verhältnisse, gern um deren Scheitern, um unglückliche Ehen und glückliche Trennungen, Einsamkeit, Schwäche, um das vertrackte Thema Liebe machen sich nun finanziell ausgesorgte Herren in den sogenannt besten Jahren Gedanken. Juristen, Lehrer, Business-Leute, allesamt von guten Schulen. Sie ähneln einander. Sensible Typen, leicht moll-gestimmt, zu Reflexionen neigend.

Sandy aus der Erzählung „Nichts zu verzollen“ ist mit einer Kanzlei in New Orleans erfolgreich und schwer verheiratet. Bei einem Umtrunk trifft er eine Jugendliebe. Für Momente kommt man sich wieder sehr nah, dann geht Sandy doch nach Hause. Dumme Treue?

In „Überfahrt“ denkt ein Mann an jenen Abend, als seine Frau und er Zeugen eines tödlichen Unfalls waren: Ein Junge am Bordstein wurde von hinten auf die Straße geschubst, gerade als ein Bus vorbeidonnerte. Der schreckliche Augenblick beendete auch ihre Ehe – warum nur?

Scheidung als ehe-rettende Maßnahme

Die ichbezogene Traumfrau Charlotte offenbart in die „Die Zweite Sprache“ ihre Ansichten über „zweite Ehen“: Die besten Stücke der ersten abfassen, „die schlechten, langweiligen, die einen in den Wahnsinn trieben“, auslassen. Und überhaupt: Scheidung sei eine ehe-rettende Maßnahme.

Ohne in Pathos zu verfallen oder sprachlich peinliche Höhen zu erklimmen, forschen Fords Erzähler nach den Bruchstellen in mittelständischen Beziehungen. Die sind bisweilen unscheinbar, versteckt. Es gibt kein Verurteilen, kaum Herz-Getöse, wenig Werten, wohldosierte Empathie und trotz Trauer eine Grundhoffnung – die große Qualität dieser Geschichten.

Als Jugendlicher interessierte sich Richard Ford wegen einer leichten Leseschwäche für Literatur. „Als langsamer Leser erschlossen sich mir Bücher“, sagte er einmal. Was auch als Lektüre-Empfehlung für seine jüngsten Storys gelten darf – ohne Eile genießen und begrübeln.

Richard Ford: Irische Passagiere. Hanser Verlag, Berlin, 2020. 288 Seiten, 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 26588 – 2.

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