HARUKI MURAKAMI

Die Chroniken des Aufziehvogels: Rätsel-Gestalten im toten Winkel des Kopfes

Katze weg, Frau weg: In dem frisch übersetzten Roman „Die Chroniken des Aufziehvogels“ von Japans Nobelpreis-Kandidat Haruki Murakami gerät ein Durchschnittstyp auf eine emotionale Achterbahn.
Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels. DuMont Buchverlag, Köln, 2020.
Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels. DuMont Buchverlag, Köln, 2020. DuMont Buchverlag
Neubrandenburg.

Erst verschwindet die Katze, dann seine Frau Kumiko. Das Telefon klingelt: Ein unerwünschter Sex-Anruf. Plötzlich hat er ein dunkelblaues Mal im Gesicht. Die beschaulich-kleine Welt von Toru Okada im Häuschen am Rande Tokios gerät endgültig aus den Fugen, als sich bei seiner Suche nach Kumiko eine Schar höchst merk-/fragwürdiger Figuren bei ihm einstellt.

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Zwei Schwestern, die eine davon zu therapeutischem Beischlaf bereit, dienen sich dem 30-Jährigen als Medium an. Ein seltsames Nachbarsmädchen, das Glatzkopf-Statistiken für eine Perücken-Firma erstellt, gibt altkluge Ratschläge. Diverse Wahrsager sehen schlechte Dinge voraus, die sich (vielleicht) als gut erweisen – oder umgekehrt. Im toten Winkel von Torus Kopf gespenstern jede Menge weiterer Rätsel-Gestalten herum.

Mit Magie angedickter Ami-Stil

Im 1994er-Roman „Die Chroniken des Aufziehvogels“ von Japans Nobelpreis-Daueranwärter Haruki Murakami (71) – gerade in der frisch getunten Übersetzung von Ursula Gräfe für das deutschsprachige Publikum erschienen – werden die Wände zwischen Wirklichkeit und Surrealem zunehmend durchlässig. Murakami, dem in der Heimat gern ein süffiger, mit Magie angedickter Ami-Stil zur Last gelegt wird, baut eine gewaltige Erzählkulisse auf. Er arrangiert ein halbes Dutzend Plots, transportiert kiloweise Karma und manövriert seinen vom kalten Ehe-Aus getroffenen „Helden“ in einen emotionalen Ausnahmezustand.

Das klingt nach anstrengender Lektüre, erweist sich aber als erstaunlich leichtflüssig. Der Autor schafft es, mit seinem Schicksals-Crashkurs zu unterhalten und zu fesseln. Die Kunst, sparsam mit Sprache Stimmungen zu erzeugen, ist nicht die Murakamis. Der löst lieber Fabulierfluten aus, Wörter-Tsunamis. Lediglich um zwei-, dreihundert (der insgesamt tausend!) Seiten mag dieses Roman-Monster zu groß geraten sein. Am Ende verkordeln sich tatsächlich die Erzählstränge, nur einige hängen abgeklemmt herum.

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Von Dämonen heimgesucht

Der Mix macht’s: Den lauen Alltag eines Durchschnittstypen durchsetzen unvermittelt Grusel, Thrill, Mystery, Bizarrerien. Toru Okada findet sich als Mitarbeiter einer Scheinfirma wieder, die die beschädigten Seelen reicher Damen repariert. Zu diesem Zweck und zum einsamen Nachdenken sitzt er im trockenen Gartenbrunnen an einem verhext-selbstmörderischen Haus, wo ihn bislang verdrängte Dämonen heimsuchen.

Die detektivische Demontage der abgründigen Familiengeschichte seiner angeblich durchgebrannten Gattin geht einher mit Einschleusungen in sein (Unter)-Bewusstsein. Wer, bitte schön, ist Toru denn selbst? Am Ende bleibt eine Spur Verunsicherung, das murakamisch Unerklärliche.

Große Literatur bietet die Binnen-Story zu einem Thema, das lange ein Tabu in Japan darstellte: Die Besetzung der Mandschurei. Hier gelingt dem Autor ein eindringliches, nahe gehendes Sprachkunstwerk über die Grauen des Krieges.

Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels.
DuMont Buchverlag, Köln, 2020.
1005 Seiten, 34 Euro.
ISBN 978 – 3 – 8321 – 8142 – 0.

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