CHRISTINE WUNNICKE

Die Dame mit der bemalten Hand – Eine Rezension

Die Autorin Christine Wunnicke gilt bislang als Insider-Tipp in der deutschen Literatur. Das sollte sich mit ihrem jüngsten Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ ändern. Der hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft.
Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand. Berenberg Verlag Berlin, 2020
Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand. Berenberg Verlag Berlin, 2020 Berenberg Verlag
Neubrandenburg.

Von 2015 bis 2020 standen drei Werke von Christine Wunnicke auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Bemerkenswert! Doch erst im dritten Anlauf ist der Autorin nun der Einzug ins „Finale“ gelungen. Insider werden sagen: Na endlich! Wunnickes aktueller Roman – „Die Dame mit der bemalten Hand“ – ist also in die Runde der sechs Auserwählten gehievt worden. Verdient hatten dies auch ihre vorangegangenen Einreichungen.

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Zuvor unterschätzt und übergangen zu worden zu sein liegt womöglich daran, dass die Geschichten der scheuen Schriftstellerin eher international und leicht funkelnd denn deutsch verkopft ausfallen. In Wunnickes kurzen Romanen sind Amüsement. Abenteuer und Erkenntnisgewinn gute Nachbarn, die Figuren historisch verbürgt, doch dazu tendierend, Reißaus von ihren Biografien zu nehmen. Gern Exzentriker: It-Girls in Londons Spiritismus-Szene, der Kastrat Filippo Balatri, die Hollywood-Pioniere Selig und Boggs, der japanische Nervenarzt Shimamura. Obsessiv veranlagte Entdecker.

An norddeutscher Ernsthaftigkeit leidend

In „Die Dame mit der bemalten Hand“ hat 1764 ein dummer Zufall den fiebernden Forschungsreisenden Carsten Niebuhr aus dem Bremischen und Meister Musa, als persischer Astrolabien-Schmied eine Legende, auf das Inselchen Elephanta vor der Indien-Metropole Bombay verschlagen. Da ist ein ebenso heiliger und wie stinkender Höhlentempel, viel unfreundliches Getier und bis zur Rettung einige Tage Gelegenheit, sich – Niebuhr arabisch radebrechend – auszutauschen über Sterne und Sterngucker-Technik, richtige und falsche Götter und Frauen, einander gründlich morgen- und abendländisch misszuverstehen, zu zanken und zu versöhnen.

Die Bibel sei besser zu begreifen, „wenn man in Arabien jeden Stein umdreht und schaut, was darunter ist“ – mit diesem Satz ist der an norddeutscher Ernsthaftigkeit leidende Niebuhr losgeschickt worden. Er ist der einzig Überlebende einer Expeditionsgruppe, mittlerweile leicht desorientiert in Südasien unterwegs. Selbstredend weckt sein Teleskop die Neugierde von Musa. Der neigt zu Lügenmärchen, gut erzählt, und neckt Niebuhr: „Du bist der miserabelste Christ aller Christen!“ Es kommt der Gedanke auf, dass sich – ungeachtet aller Zwietracht und (Glauben)-Unterschiede – der Himmel auch gemeinsam bestens vermessen ließe.

Christine Wunnicke unterlässt es, einen Orient-/Historien-Schmöker mit Friedensbotschaft aus diesem Stoff zu machen. Sie liebt es reduziert, ironisch pointiert, leichtfüßig, statt den Zeigefinger zu heben. Da ist geistreiche Unterhaltung und zugleich ein charmanter, verzaubernder Witz – wunnickesk.

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand. Berenberg Verlag Berlin, 2020. 168 Seiten. 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 946334 – 76 – 7.

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