:

Die Deutschen als Dichter und Denker

Zeitgenössische Darstellung der Baronin von Schleswig-Holstein Anna Louise Germaine de Staël. Foto: Archiv
Anne Louise Germaine de Stael
UPI

Kaum ein Buch hat das Deutschland-Bild so nachhaltig geprägt wie das vor 200 Jahren erschienene „De l‘Allemagne“ der französischen Schriftstellerin Germaine de Staël. Es porträtierte die Deutschen als friedliebende Grübler.

Deutschland als das Land der Dichter und Denker – dieses Bild wurde vor 200 Jahren entworfen und international verbreitet. Damals, 1813, erschien in England das französische Buch „De l‘Allemagne“ – „Über Deutschland“. Es prägte das Bild der Deutschen für viele Jahrzehnte und wirkt bis heute nach.

Die Verfasserin war eine fulminante Französin: Germaine de Staël (1766-1817), Tochter des französischen Finanzministers Jacques Necker, Wunderkind des Rokoko, Fürstin der Pariser Salons. Sie spielte eine aktive Rolle während der Französischen Revolution, begeisterte sich für Napoleon, an dem ihr Charme aber abperlte. Nach einem Blick auf ihr Dekolleté soll er sie gefragt haben: „Sie haben gewiss Ihre Kinder selbst gestillt?“ Danach verschlechterte sich ihr Verhältnis rapide. Von Napoleon verbannt, unternahm die Baronin von 1803 bis 1804 und dann noch einmal von 1807 bis 1808 zwei ausgedehnte Deutschlandreisen, wobei sie unter anderem Goethe und Schiller traf.

Napoleon ließ die erste Auflage beschlagnahmen

Nach ihrer Rückkehr verarbeitete sie ihre Reiseeindrücke zu dem Buch „De l‘Allemagne“. Die gesamte erste Auflage wurde jedoch 1810 auf persönliche Intervention Napoleons beschlagnahmt, so dass sie den Wälzer erst drei Jahre später im Londoner Exil herausbringen konnte. Er wurde ein internationaler Bestseller. Das hatte außer mit dem berühmten Namen der Autorin auch damit zu tun, dass sie in eine Marktlücke stieß: Es gab kaum Bücher über Deutschland – weil es auch Deutschland noch nicht gab. Es gab nur eine Vielzahl von Territorien, in denen Deutsch gesprochen wurde, die aber unterschiedlicher kaum sein konnten.

Doch Madame de Staël hatte als Französin den berühmten Blick von außen – und erkannte durchaus Verbindendes. Deutschland war zwar kein Staat, aber es war eine Geisteshaltung. Deutsch zu sein bedeutete, die Dinge gründlich zu durchdenken. Deutsche waren grübelnde Tiefschürfer, sie begeisterten sich für Philosophie, Literatur und Musik. Die leichte Konversation, die Mode, der gute Geschmack, Witz und Esprit – all das war hingegen nicht ihr Metier.

Tatsächlich entwarf die Napoleon-Hasserin de Staël Deutschland als Gegenbild zu ihrer Heimat. Frankreich war sie für sie militaristisch, Deutschland friedliebend. Frankreich ging gebückt unter der Knute Napoleons, in Deutschland waren die Gedanken noch frei. Dass das alles ein wenig einseitig war, erkannte sie selbst bereits 1814, als Paris von den Preußen besetzt wurde. In diesen Deutschen, so schrieb sie, könne sie das von ihr beschriebene Land keineswegs wiedererkennen.