Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2022
Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2022 Faber & Faber
Literaturtipp

Die Macht der Maulhelden

Die Neuausgabe des Prahlhans-Romans „Tartarin aus Tarascon” vom französischen Schriftsteller Alphonse Daudet kombiniert geschliffenen Spott mit erzähllustigen Illustrationen.
Neubrandenburg

Was diese Geschichte zeitlos macht? Dass jene Sorte Leute, deren untadeliger Ruf und Heroen-Ruhm allein auf einer grandiosen Aufschneiderei und der Urgewalt eigener Fantasie fußt, niemals Nachwuchssorgen haben wird. „Tartarin aus Tarascon”, die titelgebende Romanfigur vom französischen Schriftsteller Alphonse Daudet (1840-1897), ist einer ihrer Prototypen: Rundbäuchig, kurzbeinig, spießig, nicht komplett unsympathisch, ein kritik-resistenter Großsprecher. Im Herzen ein auf Bequemlichkeit geeichter Sancho Pansa, nach außen ein kühner Don Quijote, abenteuerlustig, doch nur vorgeblich.

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Daudets literarisches Kleinod – 1872 veröffentlicht – gilt in Frankreich als Volksbuch und hat auch in deutschen Landen, wo sich Maulhelden bekanntlich gleichfalls seit Menschengedenken in Politik, Wirtschaft und am Stammtisch sehr zu Hause fühlen, eine lange Editionshistorie. Eine Neuausgabe des amüsanten Stücks war freilich fällig – die wird nun geboten: Eine Kombination aus der Übersetzung von Ernst Weiß (1882-1940), dem österreichischen Autor mit dem tragischen Schicksal, und den Illustrationen von Jacques Touchet (1887-1949), die im deutschen Sprachraum erstmals erscheinen. Sehr gelungen!

Prachtexemplar eines Südfranzosen

Tartarin – das Prachtexemplar eines Südfranzosen. Er liebt das Gärtchen an seinem Häuschen und hat das provenzalische Vaterstädtchen Tarascon nie verlassen. Doch weil er in den maßgeblichen Herren-Runden detailliert und bildreich angelesene Schnurren von Schlachten und Großwildjagden zum Besten gibt, gerät er absurderweise selbst ins Heldentum. Wo die Wüste am wüstesten, das Raubtier am hungrigsten ist, da hält sich der Draufgänger mit Vorliebe auf – allerdings nur in seiner Vorstellung.

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Als das Gerücht kreist, Tatarin werde in Afrika auf Löwenjagd gehen, kommt er aus der Nummer nicht mehr heraus. Auf der Überfahrt nach Algier und später auf einem Dromedar wird er seekrank. Der Löwe, den er tatsächlich zur Strecke bringt, ist blind, handzahm, bei Bettlern fürs Almosen-Ergaunern angestellt. Ein Muezzin spannt Tatarin die Geliebte aus, indem er in sein Gebet Date-Termine mit der betrügerischen Dame unterbringt. Tatarin wird komplett abgezockt. Zurück in Tarascon passiert das Unfassbare: Er wird gefeiert.

Über den Schaumschläger lustig gemacht

Alles Fake? Weit gefehlt!, meint Alphonse Daudet augenzwinkernd: „Der Mann aus dem Süden lügt nicht, er täuscht sich nur. Er sagt natürlich nicht immer die Wahrheit, aber für ihn ist es die Wahrheit. Seine Speziallüge ist keine Lüge, es ist eine Art Spiegelung.” Aha.

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Von diesem geschliffenen Werk existieren 20 Übersetzungen und noch mehr Illustrationen. Glücklicherweise hat Ernst Weiß keine sklavische Texttreue bei der Übertragung ins Deutsche walten lassen. Sein zu Kurzausflügen aufgelegter Spott bekommt eine Prise Wiener Schmäh ab, was der Heiterkeit Raffinesse gibt. Touchets Zeichnungen brillieren mit Witz und Erzähllust, sie lassen Ostdeutsche eines gewissen Alters womöglich an die Digedags-Comics von Hannes Hegen denken. Dessen berühmter Großonkel, der Grafiker Josef Hegenbarth, sein Kollege Klaus Ensikat und der geniale George Grosz zählen zu den vielen Künstlern, die sich über den Schaumschläger Tartarin hermachten.

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon. Illustriert von Jacques Touchet. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2022. 184 Seiten. 36 Euro ISBN 978 – 3 – 86730 – 230 – 2

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