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„Die Natur ist fähig, sich zu regenerieren!“

Wim Wenders.
Wim Wenders.
Donata Wenders

In seiner Dokumentation „Das Salz der Erde“ zeichnet Wenders ein beeindruckendes Porträt des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der die Welt immer wieder mit seinen Momentaufnahmen von Krieg, Völkermord und Hungersnöten aufrüttelte und selbst an diesem Leid zu zerbrechen drohte. Ein Gespräch.

Herr Wenders, wie ist Ihre Freundschaft zu Sebastião Salgado entstanden?

Ich wollte ihn gern kennenlernen. Ich verfolge seine Arbeit seit langer Zeit. Ich habe Ausstellungen besucht und besitze auch Prints von ihm, die ich in den 80-er Jahren gekauft habe und die seither in meinem Arbeitszimmer hängen. Ich habe ihn aber erst vor sechs Jahren in Paris persönlich getroffen. Ironischerweise hätte ich ihm dort schon jahrelang beim Gemüsehändler nur um die Ecke meiner damaligen Wohnung herum begegnen können. Ich wollte einfach wissen, wer dieser Mann ist, dessen Bilder mich so beeindruckt haben. Wir haben uns verabredet und auch mal gemeinsam Fußball gekuckt. Salgado steckte mitten in der Arbeit zu „Genesis“ und irgendwann hat er mir einige seiner neuen Abzüge gezeigt.

Wie kam es zum Filmprojekt?

Sebastião hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass seine Arbeiten auch irgendwie auf der Leinwand gezeigt werden könnten. Ich habe lange darüber nachgedacht und irgendwann gesagt, dass das nicht ginge. Es würde zu einer Diashow und selbst wenn man Musik oder Geräusche dazu täte, bliebe das Mist. Aber weil er mir zu seinen Fotos immer sehr viel erzählt hat, wusste ich inzwischen, dass er ein großer Geschichtenerzähler ist. Wenn er diese Geschichten zu seinen Bildern auf der Leinwand erzählen würde, dann könnte ich mir wirklich einen Film vorstellen. Später kam sein Sohn Juliano ins Spiel, der seinen Vater bereits auf mehreren Reisen mit einer Kamera begleitet hatte. Da gab es sehr schöne Aufnahmen, aber noch kein wirkliches Filmprojekt. Das enge Verhältnis von Vater und Sohn hätte das vielleicht auch schwierig gemacht. Also beschlossen wir, die ganze Sache gemeinsam anzugehen. Als Außenstehender konnte ich eine ganz andere Objektivität einbringen. An Lust fehlte es mir weiß Gott nicht.

Wie sah die Arbeitsteilung aus?

Ich würde mich stärker dem Geschichtenerzähler widmen und versuchen, soviel wie möglich über seine Fotografie herauszufinden. Juliano würde ihn auf weiteren Reisen begleiten. Es war auch geplant, dass ich bei zwei Reisen dabei wäre, aber dann bin ich leider krank geworden. Letztendlich sind alle Reisen von Juliano gedreht, und alle Gespräche und auch das Ende des Films in Brasilien stammen von mir. Ganz wichtig wurde auch das Interview, das Juliano bereits 1999 mit seinem Großvater auf dem Grundstück der Salgados geführt hatte. Das schlägt die Brücke zu dem, was die Familie heute aus dem Gelände gemacht hat. Letztendlich mussten wir beide, Juliano und ich, das erst lernen, wie man gemeinsam einen Film macht. Das war gar nicht einfach, da galt es, diverse Egotrips hinter sich zu lassen und nur so etwas zu schaffen, was keiner von uns allein hätte zustande bringen können.

Salgado spricht durch seine Bilder zum Publikum. Wie kamen Sie auf diese wirkungsvolle Idee?

Das hat gedauert, bis ich das gefunden habe. Lange Zeit haben wir konventionell gedreht: wir saßen gemeinsam da, wurden von zwei Kameras gefilmt, sind Sebastiãos Gesamtwerk Bild für Bild durchgegangen und er hat mir zu jedem Foto dessen Geschichte erzählt. Am Ende, nach vielen Tagen, fand ich es schade, dass ich immer mit drin war. Wenn er mich vergessen hat und nur auf seine Bilder geschaut und erzählt hat, waren das die besten Momente. Wenn er nur in seinen Bildern und in seiner Erinnerung war. Ich musste ihn also mit seinen Bildern allein lassen. Aber wie? Dazu haben wir schließlich eine ganz neue Situation erfunden: ein umgebauter Teleprompter ermöglichte es, dass er sich seine Fotos auf einem Bildschirm anschauen konnte und dabei gleichzeitig in die Kamera dahinter blickte, die für ihn unsichtbar war. So konnte er den Zuschauer anschauen, sozusagen durch seine Bilder hindurch.

Wie illustriert man das Grauen auf angemessene Weise?

Es gibt da natürlich die verschiedensten Ansätze. Sebastiãos Arbeitsweise, vor Ort tatsächlich Zeit zu verbringen, ist ein höchst radikaler. Die meisten Kriegsfotografen fliegen ein, machen ihre Fotos und sitzen am Abend wieder im Flieger oder im Hubschrauber, der sie herausbefördert. Sebastião hat in Ruanda ganze Heerscharen von Fotografen kommen und gehen sehen. Er selbst ist monatelang da geblieben. Er kannte die Menschen, die er fotografiert hat. Dadurch hatte er die Autorität, für sie zu sprechen. Die Diskussion darüber, ob man von Völkermord und Hungersnöten Bilder produzieren darf, die ästhetisch relevant, also auch "schön" sind, führt zu der Frage, welche Bilder man denn sonst davon produzieren soll. "Unschöne, unästhetische"? Sebastião hat eine Sprache und eine Ästhetik entwickelt, die sich nie selbst genug war, sondern als oberste Maxime hatte, die Würde der fotografierten Menschen zu respektieren. Seine Arbeit ist von Respekt geprägt. Die Fotografie ist heute in ein ganz anderes Umfeld geraten, weil inzwischen jeder fotografiert und Fotografie oft "autorenlos" gemacht wird. Selfies zeigen keinen Blickwinkel mehr, sie entstehen willkürlich. Wir haben uns an Bilder gewöhnt, die unästhetisch sind, oft völlig verpixelt oder von Security-Kameras aufgenommen. Auf den Folterbildern aus Abu Ghuraib ist eine andere Art Wahrheit zu sehen als auf Bildern, hinter denen wirklich jemand steht.

Salgado hat zwischenzeitlich den Glauben an die Menschheit verloren. Haben Sie noch Hoffnung, wenn Sie die Abendnachrichten verfolgen?   

Ich bin ein "hoffnungsloser Optimist" und glaube immer noch, dass die Menschen lernfähig sind. Aber dieser Optimismus wird in letzter Zeit auf harte Proben gestellt. Ich bin Gott sei Dank kein Politiker. Ich weiß auch nicht, was man in Palästina machen kann. Und ich bin auch froh, dass ich nicht zu Putin gehen muss. Was sollte man ihm sagen? Ich bin gespannt, ob mal jemand den Mut aufbringt, tatsächlich dahin zu reisen. Obama oder Merkel in Moskau, das wäre doch mal was. Salgado ist tatsächlich an einen Punkt gekommen, an dem er die Kamera hingelegt und gesagt hat: „Ich kann nicht mehr. Ich will nicht als Zyniker weiter Fotos machen, also höre ich damit auf.“ Das hat er sehr ernst gemeint und diese Arbeit des „Social Photographer“ wirklich niedergelegt. Dass er dann eine neue Arbeit gelernt hat, beruht darauf, dass den Salgados ein kleines Wunder passiert ist. Sie hatten ein paar hundert Bäume auf der verödeten und ausgetrockneten Plantage des Vaters gepflanzt, um diesen Ort zu ehren. Diese Bäume wachsen und plötzlich brechen dort wieder Quellen aus dem Boden. Was zu der Idee geführt hat, das in großem Stil zu versuchen und ein paar Millionen Bäume zu pflanzen. Man kann Zerstörung rückgängig machen! Eine großartige Botschaft in dieser Zeit so vieler Zerstörungen, die wir gerade erleben. Die Natur ist fähig, sich zu regenerieren! Nach demselben Modell werden jetzt in Brasilien ganze Landstriche wieder aufgeforstet.

Warum haben Sie den Titel „Das Salz der Erde“ gewählt?

Es gibt schon einen Film mit diesem Titel, der ist sogar einer meiner Lieblingsfilme. „The Salt of the Earth“ wurde Anfang der 50er-Jahre in New Mexico gedreht und handelt von einem Minenarbeiter-Streik. Der amerikanische Regisseur Herbert J. Biberman hat unter McCarthy gelitten und auch sein Film hatte ein unglückliches Schicksal. Er wurde "public domain" also Gemeineigentum: jeder darf den Film zeigen und verbreiten. Auch sein Name ist nicht geschützt. Wir haben den Titel erst beim Schneiden gefunden. Im biblischen Gebrauch mahnt der Ausdruck die Menschen, nicht „unsalzig“ zu werden, also schal und unbrauchbar.

Im Februar verleiht Ihnen die Berlinale den „Ehrenbären“. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Im 70-sten Lebensjahr muss man das ganz gelassen sehen. Ich habe auch schon echt viel gemacht. Und mit dieser Hommage ist ja kein Berufsverbot ausgesprochen, im Gegenteil, ich versteh's eher als Anreiz. Alle meine Filme liegen heute in einer Stiftung. Somit sind sie nicht mehr in Privatbesitz. Sie müssen für niemanden mehr Geld verdienen. Einige dieser Filme sind ja Klassiker und weltweit im Umlauf. Was sie einnehmen, fließt jetzt in die Stiftung. Es dient der Restaurierung und Verbreitung dieses Werks und der Nachwuchsförderung. Ein wunderbarer Zustand, besitzfrei zu sein von seinem eigenen Werk, es aber trotzdem nicht verloren zu haben.

Welches ist Ihr persönliches, eigenes Lieblingsfoto?

Es ist sicher ein Panorama-Bild, mit viel Horizont. Zum Beispiel ein Bild von den Rocky Mountains, mit einem Kornfeld davor. Zu sehen in meinem Buch „Pictures from the Surface of the Earth“.

 

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