Auftritt: Die Neue Frau. Insel Verlag Berlin, 2022.
Auftritt: Die Neue Frau. Insel Verlag Berlin, 2022. Insel Verlag Berlin
Rezension

Die neue Frau ist ein Jahrhundert alt

Diese Weiblichkeit lehnte strikt ab, hold zu sein. Der Band „Auftritt: Die Neue Frau” versammelt reizvolle Kurztexte von Künstlerinnen und Autorinnen aus den „Goldenen Zwanzigern” der Weimarer Republik.
Neubrandenburg

Zylinder, Zigarette, Monokel, Boxsport, Automobil – von Z bis A, was als typisch und uneinnehmbar männlich galt, wurde zur Sache der (gern auch androgyn daherkommenden) Frau. Diese Weiblichkeit lehnte strikt ab, hold zu sein. Angespitzte Zunge, flinkäugig, Haare und Rock zu Bubi und Midi halbiert – so präsentierte sie sich in Berlins quecksilbrigen, golden genannten Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts. Der gerade erschienene Band „Auftritt: Die Neue Frau” versammelt reizvolle Kurztexte – ob Essay, Reportage, Kolumne, Prosa oder Erinnerung – von Protagonistinnen und Zeit-/Party-Zeuginnen jener allzu kurzen Phase zwischen „Bierbauchepoche”, Weltwirtschaftskrise und Nazi-Aufmarsch.

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Einige Ikonen darunter: Natürlich die Dietrich, die – noch das Marlene-Küken in der Szene – Trude Hesterberg die Rolle der lasziv-ausgekochten Varietésängerin Lola im Kult-Film „Der blaue Engel” wegschnappt. Claire Waldoff nörgelt Chansons wie „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt”. Blandine Ebinger begeistert im „Café Größenwahn” mit ihrem „O Mond, kieke man nich so doof”. Josefine Baker tanzt wild und am Körper nichts als einen Bananenschurz den Charleston und erzählt von ihrem Berlin-Erleben.

Provokateurin statt Mauerblümchen

Politisch-literarisches Kabarett, Revue, Operette, Tingeltangel. – Frau war präsent, eher modern denn mondän, ohne Mangel an Selbstvertrauen, lieber extravagant und provozierend als Mauerblümchen. „Kurzum, ein famoser Kerl.” Dieser Status-Schub ist beileibe keine heiter-harmlose Angelegenheit. Es geht durchaus kämpferisch zu: „Raus mit'n Männern aus'm Reichstag”, wird geschmettert. Das Credo von Valeska Gert, Erfinderin des Grotesk-Tanzes, lautet: „Die alte Welt ist morsch, sie knackt in allen Fugen. Ich will helfen, sie kaputtzumachen. Ich glaube an das neue Leben. Ich will helfen, es aufzubauen.” Gabriele Tergit und Else Lasker-Schüler protestieren gegen den Paragrafen 218. Mode wird gezielt im Geschlechter-Duell eingesetzt.

Wie Frau den Männern missfällt

Erika Mann, Tochter von Nobelpreisträger Thomas Mann, ätzt gegen Herren, die bei Auto-Gegenverkehr nicht abblenden. Keine Beziehung mit einem solchen! Denn: Der „wird dir eines Tages dein Erbteil stehlen”. Überhaupt, Frau fahre am besten, wenn sie Männern missfällt. Wie das gelingt, teilt Pola Negri in zehn (zynischen) Geboten mit. Es handelt sich um eine feine Text-Auslese durch Brigitte Landes, die Herausgeberin des „Auftritt: Die Neue Frau”-Buchs. Kundig, clever und für das Publikum ausgesprochen gewinnbringend. U und E vercocktailen herrlich, was besagt kreative Blütezeit in der Weimarer Republik vor einem Jahrhundert perfekt spiegelt. Zugleich darf der Leser einige spannende Künstlerinnen und Autorinnen (neu) entdecken. Und sich darüber wundern, dass manch vor einem Jahrhundert aufgeworfene Frauen-Frage heute noch einer Antwort harrt.

 

Auftritt: Die Neue Frau. Herausgegeben von Brigitte Landes. Insel Verlag Berlin, 2022. 144 Seiten, 14 Euro. ISBN: 978 – 3 – 458 – 19516 – 0.

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