NEUAUSGABE

Die "Nibelungen" im coolen Outfit

Die Nibelungen, nacherzählt von Gretel und Wolfgang Hecht: Die Neuausgabe von dem berühmtesten deutschen Heldenepos sollte auch den Nerv des netverflixten Nachwuchses treffen.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Die Nibelungen. Insel Verlag, Berlin 2019.
Die Nibelungen. Insel Verlag, Berlin 2019. Insel Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Kein Zweifel, Siegfried wäre heutzutage Zehnkampf-Weltrekordler. Zur vollen Wahrheit gehört freilich, dass zur Ausstattung des sagenhaft harten Nibelungen-Eigners zwei Weichteile gehörten. Da ist, erstens, sein Herz für Mittelalter-Model und Burgunden-Prinzessin Kriemhild, die vermochte, sich auf höfischen Befehl prompt zu verlieben. Zweitens, die lindenblatt-förmige Stelle zwischen den siegfriedlichen Schultern, deren Nutzung durch Finsterling Hagen und Konsorten die ganze Chose eskalieren ließ.

Die Nacherzählung der „Nibelungen“ von Gretel und Wolfgang Hecht aus dem Jahr 1969, nun in einer reizvollen Neuausgabe mit Illustrationen von Burkhard Neie in der Insel-Bücherei erschienen, macht klar: Keine Daily Soap kann in puncto Intrige, Verrat, Zickenkrieg, Action, Liebe und Rache mit dem einflussreichsten deutschen Heldenepos mithalten, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts von einem uns unbekannten Dichter aufgeschrieben wurde.

Keine Zwangseinweisung in die Klassik

In der zeitgemäßen Hecht/Neie-Version artet die Lektüre nicht zu einer Zwangseinweisung in die Klassik aus. Die sollte ein freiwilliges Publikum finden, sogar beim netverflixten Nachwuchs, zumal sich dessen Heroen-Charaktere unweit von Drachenblut-Bader Siegfried, Athletik-Königin Brünhild, Trickser-King Gunther & Co. aufhalten.

Keine poetischen Kunstflüge: Bei der Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen wird das Original gründlich entschlackt. Szenen und Schicksale wechseln in knappen Abständen. Immer was (Hinterhältiges) los in den Königreichen. Wobei Recken und Schönheiten nur zögerlich Emotionen preisgeben. Es geht um Gefolgschaft, ob aus ehernen oder niederen Motiven. Diese Seelen zu filetieren ist dem Leser überlassen.

Rammstein-Macho Till Lindemann

Beim Kopfkino sind die expressiven Farb-Illustrationen von Burkhard Neie hilfreich. Echte Eyecatcher! Neie treibt ein durchdachtes Spiel mit Elementen aus Jugendstil, Comic, Scherenschnitt, Geometrie. Umflattert von jeder Menge Totenvögel. Auf ausgebufft kongeniale Art wird jenes Ritter-Pathos und eine Üppigkeit geboten, die sich der Text verkneift.

Wie bei den Vorgänger-Bänden „Die schönsten deutschen Volkssagen“ (2017) und „Deutsche Heldensagen“ (2018), in denen Jethro-Tull-Chef Ian Anderson und Hollywood-Mime John Malkovich zu Ehren kommen, schmuggelt Burkhard Neie ein Promi-Konterfei ein. Es dürfte sich um Rammstein-Macho Till Lindemann handeln.

Ein ehemals als ideal empfundenes Rittertum sorgt mit Meuchelmord und Machtkämpfen für die eigene Schwächung. – Das Nibelungenlied, das einst nationaler Identifikation diente und später, inhaltlich zerfetzt, für nationalistische Bestrebungen missbraucht wurde, kündigt eine fatale Selbstzerstörung in der Feudalwelt an. Wem es darauf ankommt, dem alten Werk Analogien zur Gegenwart zu entlocken, sollte fündig werden.

Die Nibelungen.Nacherzählt von Gretel und Wolfgang Hecht, illustriert von Burkhard Neie.Insel Verlag, Berlin 2019.153 Seiten, 16 Euro.ISBN 978 – 3 – 458 – 20036 – 9.

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