Berndt Seite (rechts) hat zusammen mit seiner Enkelin Anna Clara in der Kunst- und Kinokirche Nossentin gelesen. Der befreunde
Berndt Seite (rechts) hat zusammen mit seiner Enkelin Anna Clara in der Kunst- und Kinokirche Nossentin gelesen. Der befreundete Maler Skip Pahler hat das Buch „Augentrost“ illustriert. Frank Wilhelm
Die Kinokirche Nossentin war bei der Lesung aus Berndt Seites neuem Buch gut besucht.
Die Kinokirche Nossentin war bei der Lesung aus Berndt Seites neuem Buch gut besucht. Frank Wilhelm
Die Schmalzstullen nach der Lesung gehören samt „Messwein” zum Ritual von  Berndt Seites Lesungen in Nossenti
Die Schmalzstullen nach der Lesung gehören samt „Messwein” zum Ritual von Berndt Seites Lesungen in Nossentin. Frank Wilhelm
Buch-Tipp

Die Schreiblust lässt Berndt Seite nicht los

In seinem neuen Buchhat sich der dichtende Ex-Ministerpräsident auf Lyrik fokussiert. Eigentlich wollte er mit dem Band „Augentrost“ seine Schreibstube abschließen. Eigentlich.
Walow

Schon immer hat Berndt Seite (82) in seinen Gedichten Metaphern der Natur beschworen. Da erscheint es logisch, dass er seinen neuen Gedichtband nach einer Heilpflanze benannt hat, die seit der Antike bekannt ist: „Augentrost“. Lateinisch Euphrasia. Er hoffe, mit seinen neuen Gedichten auch etwas Trost und Hoffnung zu spenden, sagte Seite bei der Begrüßung seiner Gäste zur Buchpremiere in der Kunst- und Kinokirche Nossentin bei Malchow. Ihm selbst schenkt der Augentrost offensichtlich immer wieder den im Namen steckenden Trost, wie es im titelgebenden Gedicht heißt: „streifst als wiesenwolf/ und milchdieb umher/ als herbstblümlein/ oder wegleuchte/ tröstest orchideenschön/ weit mehr als meinen/ brennenden blick“.

Augentrost ist ein natürliches Heilmittel − Seite widmet sich in seinen Werken der Natur

Die Zeilen rufen danach, im allwissenden Internet nach Euphrasia zu suchen. In der Tat helfen aus der Pflanze zubereitete Tropfen und Bäder nicht nur bei entzündeten Augen. „Er wirkt kräftigend bei einer allgemein schwächlichen Konstitution, die mit häufigen Infekten und Lichtscheuheit einhergeht. Eine Teekur über einen längeren Zeitraum kann zum Verschwinden der Symptome führen“, erklärt eine auf natürliche Heilmittel spezialisierte Internetseite.

Seite widmet sich immer wieder der Natur, der Weite des Himmels und den klaren Seen seiner Heimat rund um das Dorf Walow bei Malchow. Dort lebt er seit Anfang der 1960er-Jahre zusammen mit seiner Frau Annemarie in einem kleinen Neubauernhaus, das er selbst während seiner Zeit als Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern (1992-1998) nicht gegen ein prunkvolleres Domizil eingetauscht hat. In die Landschaftsbeobachtungen mischt sich oft eine zarte, sehnsuchtsvolle Liebesstimmung wie in dem Gedicht „wolkenlöcher“: „als die störche ihre schwingen spannten/ welkte der klatschmohn im kornblumenblau/ und nahm dich und den sommer mit“.

+++Autorin schreibt über Mord an Ehemann - und begeht ihn dann+++

Doch Seite spannt den inhaltlichen Bogen in seinen durchgängig klein geschriebenen lyrischen Zeilen über die Natur hinaus zum Zeitgeschehen und drängenden Menschheitsfragen, immer wieder Bilder und Figuren aus der Mythologie aufgreifend, etwa wenn er in „die stunde null“ über Orte wie „gomorrha“, „fukushima“ und die „mauer“ philosophiert. Oder aber, wenn er in „ich wache auf“ die Schrecken von Orten wie den KZ, Gulags und Srebrenica in einem Albtraum komprimiert.

Sogar der Pandemie widmet er mit „B.1.1.529 (omikron)“ einen Vierzeiler: „da bin ich und/ kein Friedensengel/ wird über euch/ die schwingen ausbreiten“. Man kann davon ausgehen, dass Berndt Seite als studierter und seuchenerfahrener Tierarzt weiß, wovon er spricht: Allein mit Gottesglauben und fröhlichem Optimismus wird diese Pandemie nicht an uns vorbeiziehen.

Klassische Gedichte im Stil von Goethe, Schiller & Co. kann der Leser in „Augentrost“ nicht erwarten. Er schreibe seine Gedanken, die zur Poesie werden sollen, oft in längeren Texten auf, beschreibt Seite den Schreibprozess. „Und danach kürze und verdichte ich immer wieder“, sagt er. Bis am Ende nur noch wenige Zeilen übrig bleiben, die oft eher an Aphorismen denn an Gedichte erinnern, wie beispielsweise „ausgeblutet“: „dem sozialismus/ fehlt die farbe grau“.

Der nächste Band wird bereits vorbereitet

Im vergangenen Jahr hatte Berndt Seite angekündigt, seine Schreibstube mit dem jetzt vorliegenden Gedichtband für immer abzuschließen. Aber die Schreiblust hat ihn nach etwa 20 Büchern noch nicht verlassen, wie er nach der Lesung beim gemütlichen Zusammensein mit „protestantischen Schmalzstullen“ und „katholischem Messwein“ verriet.

Die Texte des nächsten Bands liegen bereits in seinem Hausverlag, dem Weimarer Bertuch-Verlag, vor. Das Buch soll 2023 erscheinen. Bei aller persönlichen Sentimentalität, die aus vielen Gedichten Seites herauszulesen ist, bleibt er ein aufmerksamer Zeitgenosse mit Schreibfreude. Getreu dem Gedicht „leben“: „ich gehe gern so/ durchs leben als/ hätte ich ein paar/ riesiger scheinwerfer/ dabei und vor mir/ einen guten meter/ klarer sicht“.

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Berndt Seite: Augentrost. Lyrik mit Bildern von Skip Pahler. Bertuch Verlag, Weimar 2022. 127 Seiten, 20 Euro.

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