LITERATUR

Die ungeklärten Besitzverhältnisse der Liebe

In seinem frühen Roman „Der Gefühlsmensch” erzählt der spanische Nobelpreis-Dauerkandidat Javier Marías eine spezielle Dreiecksgeschichte. Die illustrierte Neuausgabe ist etwas für Liebhaber.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Javier Marías: Der Gefühlsmensch. Mit Illustrationen von Stefhany Y. Lozano. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 20
Javier Marías: Der Gefühlsmensch. Mit Illustrationen von Stefhany Y. Lozano. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2019. Faber & Faber
Neubrandenburg.

Ein schwerreicher Bankier, Belgier, hat eine spanische Schönheit, Natalia, erpresserisch erworben. Natalia, na ja, die langweilt diese arrangierte Ehe. Idealerweise kommt ein Ich-Erzähler hinzu, Spanier und löwenhafter Verdi-Tenor. Affären-Atmo: Es knistert. Natalia wechselt den Mann. – Und fertig ist die Dreiecksgeschichte? Nicht bei Javier Marías!

Der Großautor aus Madrid erweist sich schon in seinem frühen Roman „Der Gefühlsmensch“ (1986) als Spezialist für das Diffuse und Dilemma im Menschen. Die Liebe à la Marías handelt von Verrat, Stolz, Verachtung, Leidenschaft, Loyalität, der Unentrinnbarkeit vor dem Schicksal. Es wird gern gelogen, zumindest verschwiegen, und häppchenweise mit den Hintergründen für Zu- und Abneigung herausgerückt. Und überhaupt: Was ist hier geträumt, was wahre Fiktion?

Dramatische Beziehungs-Inszenierung in Co-Produktion mit kompositorischer Durchtriebenheit – bei dem jungen Romancier ist bereits angelegt, worin er es später mit Werken von „Mein Herz so weiß“ (1992) bis „Berta Isla (2019) zur Meisterschaft bringen wird. Javier Marías, nunmehr 68, gilt als einer der wichtigen spanischsprachigen Schreiber, ein Nobelpreis-Dauerkandidat.

Zeitlose und reizvolle Lovestory

Seinem Erzählen eigentümlich, schon bei „Gefühlsmenschen“: Ausgewachsene Satz-Anakondas umschlingen den Leser in all seiner sanftmütigen Naivität, verengen allmählich die Schlingen – und schon scheint ein Entkommen nicht mehr möglich.

Natalia, um die sich alles dreht, ist eine geheimnisvolle, fast mystische Frau, merkwürdig verschattet. Skurrile Randpersonen – Prosituierte, abgetakelte Opernsängerin, skrupulöser Witwer – leisten ihre Beiträge zur Geschichte und Unterhaltung.

Warum diesen Roman gut drei Jahrzehnte nach seinem Entstehen (wieder)-lesen? Weil er eine zeitlose und reizvolle Lovestory bietet. Und: Die Neuausgabe vom gerade wiederbelebten Leipziger Verlag Faber & Faber lockt mit den überaus originellen Illustrationen von Stefhany Y. Lozano.

Die junge Kolumbianerin begleitet das Figuren-Ensemble auf eine Weise durch die Liebensfreuden/-leiden, die an die Arbeiten des ostdeutschen Pop-Art-Pioniers Hans Ticha und den russischen Konstruktivismus denken lässt. Es ist kreativ, witzig, faszinierend, wie sie aus einer Art Rohrleitungssystem immer wieder neue Konstellationen imaginiert, ohne ihrem Konzept untreu zu werden. Wie sie Anatomie-Gesetze außer Kraft setzt und es dabei schafft, grafische Elemente aus der Kultur ihrer Heimat einzubringen. Stefhany Y. Lozano unterstützt mit ihren Illustrationen Marías‘ Text kongenial. Eine Entdeckung! Bücherliebhaber kommen auf ihre Kosten.

Javier Marías: Der Gefühlsmensch. Mit Illustrationen von Stefhany Y. Lozano. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2019. 160 Seiten. ISBN 978 – 3 – 86730 – 149 – 7.

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