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Die unstillbare Gier nach frischem Blut

Gruseln kann so schön und unterhaltsam sein. Das Musical „Tanz der Vampire“ beweist es.
Gruseln kann so schön und unterhaltsam sein. Das Musical „Tanz der Vampire“ beweist es.
Sophia Kembowski

Diese Biester beißen und wollen den Lebenssaft der Menschen – dennoch sind nur wenige Musicals so beliebt wie der „Tanz der Vampire“. Das stürzt die Branche in eine Krise.

Zack, zack, zack. Es geht Schlag auf Schlag auf Schlag im Theater des Westens. Dem Zuschauer wird fast schon schwindelig bei den rasanten Programmwechseln. Beinahe alle vier bis sechs Monate wuchten die Mitarbeiter die aufwendigen Bühnenteile aus dem Schnürboden, um andere Bauten anzubringen.

Nach dem Broadway-Klassiker „Chicago“ (Oktober 2015 bis Januar 2016) folgte noch einmal ganz kurz das Udo-Jürgens-Stück „Ich war noch niemals in New York“ (März bis September 2015 und Januar bis April 2016). Seit dem vergangenen Wochenende läuft nun das Musical „Tanz der Vampire“. Wieder. Nach 2006 und 2011 beißen die steilen Zähne bereits zum dritten Mal in wenigen Jahren kräftig zu. Und die Gier nach frischem Blut scheint in der Tat unstillbar zu sein. Die Nachtgestalten sind ein Erfolgsgarant. Schon im Vorverkauf sollen 50 000 Karten über den Ladentisch gegangen sein.

So etwas hat der Musical-Gigant Stage Entertainment derzeit bitter nötig. Keine fünf Kilometer entfernt fällt Ende August im Theater am Potsdamer Platz der letzte Vorhang für Udo Lindenbergs „Hinterm Horizont“ und das Haus bleibt danach geschlossen. Keine Nachfolgeshow, nichts. Die Scheinwerfer bleiben aus. Für immer.

Nach nur einem Jahr verlässt die Fortsetzung des Erfolgsmusicals „Das Phantom der Oper“ Hamburg. Für Andrew Lloyd Webbers „Liebe stirbt nie – Phantom II“ klatscht am 25. September das Publikum den Schlussapplaus. In Stuttgart lässt das Box- und Liebes-rühr-Stück „Rocky“ die Zuschauer kalt. Folge: Nach einem Ruhetag führen die Verantwortlichen einen zweiten Ruhetag ein, weil die Plätze leer bleiben.

Also heißt die plausible Strategie: Kasse machen. Möglichst schnell. Möglichst einfach. Das schaffen die kühlen Rechner des Konzerns durch schnelle Produktionswechsel. Ehe die Besucherzahlen schrumpfen, beim Publikum Langeweile aufkommt, zieht das Musical schon in die nächste Stadt. Zudem kommen nur noch Stücke auf die Bühne, die ohnehin beim Publikum einen Renner darstellern oder sich durch eine genaue Expertise als solche herausstellen dürften.

Beim schaurig-schönen „Tanz der Vampire“ gehen die Macher keine Risiken ein. Mit einer voluminösen Stimme umgarnt Marc Seibert als Graf Krolock das männliche Publikum. Mit seinem Aussehen holt er die weiblichen Zuschauer auf seine Seite. Die zierliche, naive Sarah gibt Veronica Appeddu mit klaren, diamantenen Höhen in ihrem Gesang. Victor Petersen (Professor Abronsius) und Tom van der Ven (Alfred) geben ein herrlich tüddeliges Forscherpärchen in der Kälte Transsylvaniens.

Eine Schwäche zeigt sich beim x-ten Aufguss des Gruselspaß: Im Ensemble befinden sich viele Niederländer und Amerikaner, was ein Rückschritt in die Anfangszeit des Musicals in den Neunzigern bedeutet, als kaum gute und vor allem verständlich singende Darsteller hierzulande zu finden waren.

Einigen Zuschauern scheint das kaum etwas auszumachen. Riesige Fanclubs landauf, landab reisen durch die Republik, um die blutrünstige Bühnenshow zu sehen. So jubeln bei der Premierenvorstellung komplette Reihen schon vor den ersten Klängen, geistern Anhänger mit scharfen Eckzähnen durchs Foyer und verschmieren sich mit Kunstblut am Hals.

Doch es ist Eile geboten. Am 25. September kriechen die Vampire zurück in ihre Särge. Dann packen die Nonnen von „Sister Act“ ihre Kisten im Theater des Westens aus. Es geht Schlag auf Schlag.

Karten für „Tanz der Vampire“ gibt es im Medienhaus des Nordkurier am Friedrich-Engels-Ring 29 in Neubrandenburg oder unter der kostenlosen Hotline 0800 4575033.