Wladimir Kaminer bleibt trotz allem ein Optimist.
Wladimir Kaminer bleibt trotz allem ein Optimist. Henning Kaiser
Wladimir Kaminer

„Diese Katastrophe ist eine Chance für ein neues Russland“

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer ist einer der bekanntesten Russen in Deutschland. Im Nordkurier-Interview spricht er über die aktuelle politische Situation.
Berlin

Welche Informationen bekommen Sie zurzeit von Ihren Freunden und Verwandten aus Ihrer alten Heimat Russland?

Nicht nur von meinen Freunden, sondern auch von Freunden von Freunden und von Bekannten von Bekannten. Die jungen Menschen, die sich vor der Mobilisierung fürchten, haben eigentlich keine Chance. Ein politisches Asyl in Europa bekommen sie nicht, es sei denn, sie sind von der Front weggelaufen. Aber diese jungen Menschen wollen es darauf natürlich nicht ankommen lassen, sie wollen nicht an die Front. Für die absolute Mehrheit der Russen hat dieser Krieg erst jetzt mit der Ankündigung der Teilmobilisierung begonnen. Davor hatten sie das gar nicht wahrgenommen.

Das Regime in Moskau war lange Zeit bestrebt, diesen Krieg als eine weit entfernte Spezialoperation erscheinen zu lassen, die von irgendwelchen gut ausgebildeten Kräften weit von zu Hause weg durchgeführt wird zu einem heiligen Zweck. Jetzt, wo die Menschen selbst mit Gewalt in diese Blutlache getrieben werden, haben sie natürlich Schiss.

Mehr zum Thema: Russen fliehen vor dem Krieg – macht Putin die Grenzen zu?

 

Hat Putin mit der Teilmobilmachung eine Grenze überschritten?

Putin ist in seinem Zukunftsentwurf konsequent. Er ist jetzt einen Schritt weitergegangen auf diesem vorhersehbaren Weg. Er sagt, dieses große, heilige Russland, das er im Begriff ist, aufzubauen, braucht nicht alle Menschen, sondern nur diejenigen, die tatsächlich das Zeug dazu haben und bereit sind, ihr Leben jederzeit für den Führer und für das Land zu opfern. Wenn sie das nicht können, sind sie auch nichts wert.

Das ist heißer Tobak. Bekannt ist, dass der Führer in Deutschland damals auch gesagt hat, das deutsche Volk hat es nicht verdient zu überleben, wenn das Volk noch nicht einmal einen Krieg gegen die Welt gewinnen kann.

 

Sie vergleichen Putin mit Hitler?

Für Putin ist jetzt auch die Zeit für eine entscheidende Schlacht gekommen, in der es um Leben und Tod geht, um sein Leben und seinen Tod. Diese Teilmobilisierung zeigt vor allem, wie viel Unterstützung das Regime wirklich hat. Nicht nach irgendwelchen Umfragen oder gefälschten Papieren, die dem Kreml vorgelegt werden, sondern tatsächlich: Wie viele Menschen teilen die Überzeugung des Führers?

Das sind sehr wenige Menschen. Es gibt natürlich die Psychos, die an Bedeutung zunehmen in turbulenten Zeiten. Aber das sind vielleicht 10 Prozent. Die anderen 90 Prozent befinden sich in einer Zeit der tiefen Verwunderung.

 

Sie sind 55 Jahre alt, haben noch zu Sowjetzeiten in der Roten Armee gedient. Theoretisch könnten Sie auch eingezogen werden, wenn Sie in Russland leben würden.

Die Einberufungsbescheide werden einfach an alle verteilt, an Invaliden, an Rollstuhlfahrer, an wichtige IT-Spezialisten – das ist egal. Lehrer in der Schule müssen die Eltern ihrer Kinder besuchen, um ihnen Einberufungsbescheide auszuhändigen. Stellen Sie sich vor, wie zynisch das ist. Der gute Lehrer, der Freund der Kinder, möchte den Vater holen. Und dann schauen sie auf den Ämtern, wer kommt, wer kommt nicht.

Die meisten Russen protestieren mit den Füßen, indem sie versuchen, sich zu verkriechen oder wegzulaufen. Jetzt werden schon an den Grenzübergängen zu Georgien und Kasachstan Mobilisierungspunkte installiert, damit die flüchtenden Männer gleich dort abgeholt werden können.

 

Halten Sie es für möglich, dass aus den Protesten ein größerer Widerstand erwachsen kann?

Ich stelle mir eher vor, dass die Menschen das Regime sabotieren. Wir reden immer noch von einer unbewaffneten Bevölkerung und von einem bis an die Zähne bewaffneten Staat, der vor nichts haltmacht.

 

Manche vergleichen die aktuellen Bilder von der russischen Grenze schon mit dem Herbst 1989 in der DDR, als die Menschen ihrem Land in Scharen den Rücken kehrten ...

Aber in der DDR gab es so etwas wie eine soziale Gesellschaft, die Menschen waren miteinander verbunden. Sie konnten kommunizieren und eine gemeinsame politische Sprache finden, mit der sie auch den Staat erreichten. Das alles gibt es in Russland nicht. Es gibt keine Gesellschaft, es gibt eher zerstreute, atomisierte Elemente, die vor allem verwandtschaftliche Verbindungen haben.

In kleinen Orten, wo die Menschen auf sich allein gestellt sind, bekommen sie über das russische Fernsehen ein klares Bild im Sinne Putins vermittelt: Das ganze Land steht jetzt wie ein Mann auf. Ich glaube nicht an irgendwelche größeren Proteste.

Also sehen Sie keine Chance auf eine friedliche Wende in Russland?

Das einzige wäre vielleicht, dass die 200 wichtigsten Menschen, die das Land, die die Fabriken in den letzten 30 Jahren aufgebaut haben, die jetzt auch vor dem Desaster ihres Lebens stehen, dass diese Menschen den Mut aufbringen und Putin sagen: Das ist jetzt zu viel! Ohne irgendwelche politischen Forderungen aufzustellen, es geht nicht um einen Staatsstreich.

 

Die EU und die Deutschen diskutieren, wie man mit den Russen umgehen soll, die jetzt ihr Land verlassen.

Gerade eben hatte ich ein Gespräch mit einem Geflüchteten, der auf Umwegen über Ungarn nach Deutschland kam. Ich habe ihm geraten, kein politisches Asyl zu beantragen, weil er das nicht bekommen wird. Zum Glück gibt es zurzeit keine Auslieferungen nach Russland. Aber die Menschen würden hier in einem Lager für abgelehnte Asylbewerber landen und sich damit alle anderen Möglichkeiten abschneiden.

Der bürokratische Apparat der EU, der unheimlich langsam und ängstlich arbeitet, ist während des Krieges noch langsamer geworden. Wir haben doch alle gesehen, wie der Gaserpressungsversuch Putins die politische Landschaft verrückt macht. Dass der Bundeskanzler persönlich im Fernsehen vor den Augen des ganzen Volkes in die Nord-Stream-Turbine reinschaut, um festzustellen, ob sie sich dreht oder nicht.

 

Sie sehen die Situation in Deutschland auch kritisch?

Das deutsche politische Personal ist im Herbst 2021 doch mit einem ganz anderen Klimaprogramm an die Macht gekommen. Jetzt müssen sie Panzer verteilen und geflüchtete Soldaten aufnehmen. Aus beiden Ländern: Die Ukrainer, die aus ihren zerbombten Häusern geflohen sind, und die Russen, die nicht in der Ukraine kämpfen wollen. Das sieht für mich nach einer klaren politischen Katastrophe aus. Das wird dieses Land niemals in den Griff bekommen. Ich bin Mitglied in einer Telegramgruppe, in der sich Geflüchtete austauschen. Den Diskussionen entnehme ich, dass es diese Menschen in Portugal leichter haben.

 

Auf den Demonstrationen speziell in Ostdeutschland wurde immer wieder gefordert: Nord Stream 2 öffnen. Was sagen Sie dazu?

Nord Stream 2 ist jetzt kaputt, infolge eines Sabotageaktes. Diese Quelle wird auf Jahre versiegt sein. Von Anfang an hätte anders gehandelt werden müssen. Die Regierung hat mit Beginn des Kriegs in panischer Angst, dass die zugefrorenen Deutschen im Winter auf die Barrikaden gehen, beschlossen, zu jedem Preis Gas zu kaufen. Dadurch hat sie den Preis in die Höhe getrieben, bis sie ihr Geld ausgegeben haben. Danach sind die Preise wieder gefallen. Die Katastrophen, die Deutschland betreffen, sind zu 90 Prozent hausgemacht. Putin hin oder her, so eine helle Kerze ist der auch nicht. Die Deutschen bringen sich immer wieder selbst in eine unglaubliche Lage.

 

Sie sind ein Autor, der eher den Humor bevorzugt. Wie können Sie in diesen ernsten Zeiten schreiben?

Zweifelsohne ist der Krieg eine Tragödie. Aber wie jede Tragödie trägt auch dieser Krieg lächerliche Züge. Ich neige nicht zur Pathetik. Natürlich ist der kleine Diktator, den der russische Präsident spielt, eher eine komische Figur. Komik entsteht immer, wenn etwas Kleines als etwas sehr Großes erscheinen will. Aber auch das deutsche politische Personal ist nicht ohne. Ich glaube, man kann unsere Zeit eigentlich nur mit Humor überwinden. Ich denke, es wird schon ein lustiges Buch sein, wenn wir den Krieg überleben.

 

An welchen Geschichten schreiben Sie gerade?

Ich schreibe darüber, wie es uns allen geht. Über diesen merkwürdigen Zustand zwischen Krieg und Frieden. Wir gehen essen, wir feiern, trinken Champagner. Wir führen ein friedliches Leben, aber gleichzeitig befinden wir uns auch im Krieg. Wir frühstücken jeden Tag am Rande der Apokalypse. So soll dieses Buch eigentlich heißen: Frühstücken am Rande der Apokalypse.

 

Bleiben Sie trotzdem Optimist?

Absolut! Ich sehe in dieser Katastrophe auch eine Chance zur Entstehung einer russischen Gesellschaft. Das ist natürlich ein sehr harter Trip, den die Russen jetzt erleben. Aber zugleich ist das auch eine große Herausforderung: Entweder wird es ein neues Russland geben oder nicht. Wenn sich das Land jetzt schließt und für die nächsten 30 Jahre ein großes Nordkorea mit einem komischen Diktator wird, ist es nicht mehr das Russland, das wir kennen und das die meisten Russen auch schätzen und lieben.

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