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Düstere Welt der Hexen und Engel

Ein bisschen Zauber, ein bisschen Märchen, ein bisschen Science Fiction: So sieht die 17. Auflage der Vineta-Festpiele mit dem Zusatz „Der Luzifertrick“ aus.

Der göttliche Vater Jovis (Erwin Bröderbauer, links) nimmt sich des Kindes von Franka (Anna Jamborsky) an. Foto: jens köhler
Jens Koehler - Tel. 01785320598 Vineta-Festspiele 2013

Bevor sich der Zuschauer auf das Open-Air-Spektakel „Vineta – Der Luzifertrick“ einlässt, sollte er einen Satz beherzigen, der erst am Ende der teils langatmigen Inszenierung fällt: „Die Welt gehört den Träumern.“ Im Klartext: Auf der Insel Usedom im Städtchen Zinnowitz gelten von nun an bis zum 31. August in 36 Vorstellungen ganz andere Regeln und Maßstäbe als die, die man gemeinhin aus der Realität kennt. Wer sich das bewusst macht, verbringt einen schrägen, amüsanten Abend.

Na dann, hereinspaziert in diese Feen-Märchen-Zauber-Science-Fiction-Mittelalter-Kriegs-Unterwelt!

Sobald die Fabelwesen mit der dicken Schminke im Gesicht und den bunten Kostümen mit Röschen, Rüschen und meterlangen Umhängen den Gast überschwänglich begrüßen, startet das Open-Air-Vergnügen der Ostseebühne Zinnowitz. Hinter den Toren schenkt der Rote Rabauke dunkles Bier aus und reißt Claribella die Eintrittskarte ab. Dazu klimpert sie mit den ungemein langen, aufgeklebten Wimpern. Die Vineta-Festspiele finden nicht nur auf der eigentlichen Bühne statt.

Was gehört eigentlich zur Bühne? Kurzum: alles. Beim Abgehen des Vorraums zu den Sitzplätzen kommt Stimmung wie auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt auf, bei dem es hier Chili con Carme zu essen gibt und an der nächsten Ecke der Verkäufer frische Waffeln an den Mann und die Frau bringt.

Theater verwandelt sich zum Rummelplatz, zur Kirmes, zur bunten Bude. Kein Wunder, dass sich unter den Zuschauern auch viele 15- bis 30-Jährige befinden. Eine Gruppe, die sich leider schon lange nicht mehr so häufig in eine der vielen Kultureinrichtungen des Landes verirrt.

Nichtsdestotrotz schaffen es auch gefallene Engel, starke Hexen und hintertriebene Götter nicht, die 1200 Zuschauersitze zu füllen. Selbst zur Premiere bleibt knapp ein Drittel leer – und das, obwohl sich die Unwetter und der Starkregen brav zurückhalten und die Sonne durch die Blätter blitzt. Nur noch die grünen Laserstrahlen schneiden die Bühne in dünnere Scheibchen und die Böller krachen lauter als manches Gewitter. Regisseur Wolfgang Bordel bietet viel Krach, Bumm, Päng.

Worum es inhaltlich geht, erkennt der ungeübte Vineta-Besucher allerdings nur schwerlich, weil das 30-köpfige Ensemble gerade im ersten Teil des Stückes viel und laut und vor allem durcheinander redet. Zudem gibt es kaum eine Figur, der der Tonmitarbeiter am Mischpult keinen metallischen Hall unterlegt. Es soll alles düster und mystisch daherkommen. Aber übertreiben muss man‘s auch nicht.

Zur Handlung. Für alle, die da nicht so ganz mitkommen, sei sie hier noch einmal kurz nacherzählt: Die Hexe Claribella (Lisa Klabunde als agile, zackige, junge Hüpferin), die aus Vineta ein friedliches und freundliches Volk gemacht hat, fühlt sich für das Sonntagskind verantwortlich, das bei ihr und den anderen Märchenfiguren aufwächst. Doch die leibliche Mutter und ihr göttlicher Vater Jovis (Erwin Bröderbauer kann wunderbar fies die Augen aufreißen) erheben ebenfalls Anspruch auf das besondere Kind, das allein in der Lage ist, Vineta aus den Fluten aufsteigen zu lassen. Luzifer (Philip Dobraß als eine Mischung aus Johnny Depps Pirat in „Fluch der Karibik“ und Willy Wonka aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“) ersinnt einen Trick, um die wahre Mutter zu bestimmen.

Den Gehalt der Geschichte streckt Bordel mit Kampf- und Degenszenen, Trockeneisverwirbelungen, Seifenblasengeblubber und einigen zuvor schon eingesungenen Musicalszenen auf knapp drei Stunden. Manches Kind in den Sitzreihen rutscht da ungeduldig auf der Bank herum. Die Erwachsenen haben ihren Spaß an den üppigen Roben, der grobschlächtigen, sächselnden Mutter (Lisa-Marie Hobusch), die ihren Sohn Brad-Kevin im Gepäck hat. Und an einigen Liebes-Duetten zwischen Claribella und dem Roten Rabauken (Fabian Quast).

Eben ein luftig-leichter Sommernachtstraum.

Weitere Vorstellungen bis zum

31. August jeweils um 19.30 Uhr. Karten unter Telefon: 03971 208925. Informationen unter:
www.vineta-festspiele.de