Fred Buttkewitz, ehemaliger Chefdirigent der Philharmonie Neubrandenburg lebt seit 2015 in Russland. Er wirft dem Westen in Sa
Fred Buttkewitz, ehemaliger Chefdirigent der Philharmonie Neubrandenburg lebt seit 2015 in Russland. Er wirft dem Westen in Sachen Gergijew Scheinheiligkeit vor. privat
Fred Buttkewitz

Ehemaliger Chefdirigent kritisiert Rausschmiss

Fred Buttkewitz war zu DDR-Zeiten Chefdirigent der Philharmonie Neubrandenburg. Heute lebt er in Russland – und kommentiert den Rausschmiss von russischen Dirigenten.
Ulan Ude

Fred Buttkewitz (70) war von 1979 bis 1987 Chefdirigent der Philharmonie Neubrandenburg. Seit 2015 lebt er mit seiner Frau in Ulan-Ude in Sibirien. Er wirft in seinem Beitrag für den Nordkurier dem Westen in Sachen Gergijew Scheinheiligkeit vor:

„Hat man bei einem der zahlreichen Kriege der USA, Großbritanniens, Frankreichs oder Israels jemals in Deutschland einem Künstler dieser Länder wegen nicht erfolgter Stellungnahme gekündigt, und das ausgerechnet in München?

Beispiel Karajan

Eugen Jochum, der zum Führergeburtstag mit Hakenkreuzbinde Festkonzerte dirigiert hatte, war nach dem Zweiten Weltkrieg langjähriger Chefdirigent des Orchesters des Bayerischen Rundfunks. In Berlin war über 30 Jahre lang Karajan Chefdirigent, der sicherheitshalber gleich zweimal in die NSDAP eingetreten war, einmal in Österreich, dann in Deutschland. Als die Musiker der Staatsoper Berlin dem noch jungen Karajan einmal nicht gehorchen wollten, unterbrach er die Probe für 15 Minuten. Anschließend erschien eine Person in Uniform: „Der Herr Reichsmarschall wünscht, dass sie dem Dirigenten Folge leisten“. Dann war Ruhe.

Dass Gergijew den russischen Chef der Luftwaffe in einer Probe zu Hilfe gerufen hätte, verlautete bisher noch nicht. Karajan, dieser Weltklassedirigent, hätte sicher auch so seine Karriere gemacht, dann jedoch etwas langsamer. Er dirigierte auch im okkupierten Paris Konzerte für die Wehrmacht.

Doch die Russen nahmen das alles nach dem Krieg gar nicht übel. Die UdSSR lud beide, künstlerisch hervorragende Dirigenten zu Gastspielen ein. Eines dieser Konzerte unter Jochum besuchte ich in den 1970er-Jahren in Leningrad. Die Herzen der Leningrader, die 30 Jahre zuvor eine Million Menschen durch die Blockade verloren hatten, flogen ihm zu.

Und was ist mit Karl Böhm?

Karl Böhm, der in allen europäischen Musikzentren bis zu seinem Lebensende gefeiert wurde, hatte im Dritten Reich in Dresden eilfertig die GMD-Stelle übernommen, nachdem die SA seinen Vorgänger, Fritz Busch, aus dem Saal gebrüllt und zur Emigration gezwungen hatte. Später schrieb Böhm über den Anschluss Österreichs 1938: „Wer dieser Tat des Führers nicht mit einem hundertprozentigen JA zustimmt, verdient nicht, den Ehrennamen Deutscher zu tragen.“ In Wien wohnte er dann in einer arisierten jüdischen Villa und begrüßte das Publikum, ohne dazu verpflichtet zu sein, mit dem Hitlergruß. „Es ist sicher im Sinne der Regierung gelegen, wenn ich als deutscher Dirigent nach Wien gehe, um dort den zahlreichen Anhängern der nationalsozialistischen Idee neue Anregung zu geben.“

In einem Artikel „Der Weg der heutigen Musik“ im Sonderheft der „Kameradschaft Deutscher Künstler“ anlässlich des Geburtstags Hitlers am 20. April 1939 schrieb Böhm, dass „der Weg der heutigen Musik […] gebahnt ist durch die Weltanschauung des Nationalsozialismus“, und befürwortete, dass „alle etwaigen künstlerischen ,Entgleisungen‘, die dem Volksempfinden nicht Rechnung trügen, von vornherein unmöglich gemacht werden“.

Dennoch wurde auch dieser, leider nur musikalisch große Dirigent später von der DDR eingeladen. Als Mengelberg, der über 50 Jahre Chef im Concertgebouw Amsterdam gewesen war, Berufsverbot erhielt, weil er während der Okkupation durch die Wehrmacht weiter dort dirigiert hatte, sagten die Russen in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ): „Komm zu uns, dirigiere hier weiter!“ So wurde er in Dresden das Vorbild meines Lehrers, Horst Förster, der damals dort Konzertmeister der II. Violinen war.

Die Russen wussten eben Politik und Kunst besser zu trennen als der jetzige OB in München. Ich kann es nicht akzeptieren, dass russische Künstler wegen zu großer Nähe zu Putin einhellig verurteilt werden in einem Land, welches zuvor nach 1945 vierzig Jahre lang keinerlei Probleme mit Dirigenten hatte, die dem Naziregime eng verbunden waren – ohne beides auf eine Stufe stellen zu wollen.”

Mehr lesen: Stehen die Bühnen nur noch Putin-Gegnern offen?

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Kommentare (1)

Fällt einem kein zeitnahes, gesellschaftspolitisches Argument ein, muss die Nazizeit herhalten. Es gibt soviel positive Argumente in diesem Zusammenhang im Grundgesetz, im freiheitlich-demokratischen System - sofern man sich mit Gegenwart und Praxis beschäftigen würde. Dass aus dem fernen Sibirien moderne russische Propaganda mit Nazis (siehe Invasionsgrund in die Ukraine) von einem Deutschen kommt, ist bedauerlich.