RAOUL SCHROTT

Ein Anti-Held der ersten Weltumrundung

Der literarische Tausendsassa Raoul Schrott begibt sich mit dem Kanonier Hannes und Magellans Segel-Crew auf die Reise westwärts zu den Molukken. Ein 500 Jahre alter Hut? Hochaktuell!
Roland Gutsch Roland Gutsch
Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites
Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal. Hanser Verlag, München, 2019 Hanser Verlag
Neubrandenburg.

„Die Welt ist voller Ranküne.“ Der das mit der Erschrockenheit eines schlichten Gemüts bilanziert, muss es wissen. Hannes aus Aachen. Der hat‘s rund herum geschafft. Hannes oder Juan Aleman, wie ihn seine spanischen Dienstherren nennen, zählt zu den 18 Überlebenden der ersten Weltumsegelung in Magellans Multi-Kulti-Crew. Menschenfresser, Meuterei, Skorbut, Verrat, böses Gemetzel bei Europas brutaler Aufteilung der sich als kuglig erweisenden Erde. Hannes ist vor 500 Jahren dabei.

Als Tausendsassa – von Dada bis Neuverortung des Homer-Troja – gilt auch der österreichische Autor Raoul Schrott (55), und also nimmt es nicht wunder, dass er jene historisch verbürgte Hannes-Randfigur zum Protagonisten seines neuen Romans auserkoren hat. Dessen Titel ist ein Marathon: „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“.

Der echte Hannes wurde 1519 für die Magellan-Flotte angeheuert, 1525 tauchte er in de Loaísas‘ Besatzung auf und war somit der Allererste, der die Erde zweimal umkurvte. Im Jahr 1542 brach er unter Villalobos erneut zu einer Weltexpedition auf. Wie die Reisen auch endeten, Hannes persönlich erlitt Schiffbruch.

Mehr Simplex denn Eulensiegel

Schrott erfindet aus dürren Daten einen Hannes GuckindieLuft, ein naiv unschuldiges Naturell, unterste Charge, mehr Simplex denn Eulensiegel, also gut anzuwerben für das Himmelfahrtskommando, das westwärts einen kürzeren Weg zu dem „ostindischen Gold“, den Gewürznelken und Muskatnüssen auf den Molukken, finden soll. Zugleich möge man die „Gegenfüßer“ auf der anderen Kugel-Hälfte unterwerfen. Dass das Duell Kruzifix kontra „Musel-Glauben“ nur religiöser Vorwand für finanzhyänische Zwecke ist, schwant irgendwann auch Anti-Held Hannes.

Und dem Leser, warum Raoul Schrott diese alte Geschichte neu erzählt. Sie führt an die Urgründe der Globalisierung zurück, an den Beginn dreister Inbesitznahme und Kolonisierung, deren Folgen Europa gerade in der Gegenwart zu spüren bekommt. Ein Bumerang! Mithin legt der umtriebige Autor ein höchst aktuelles Buch vor.

Spiel zwischen Abenteuer- und Schelmenroman

Schrott ist als Parallel-Reisender des 21. Jahrhunderts unterwegs – und als unsichtbarer Schriftführer von Hannes mit im Boot. Als solcher vergisst er neben all den Details das Entertainment nicht. Schrott hat offensichtlich Vergnügen an der wilden, kraft(wort)strotzenden, bisweilen barock gestelzten Sprache seines Kanoniers. Das Spiel zwischen Abenteuer- und Schelmenroman, die Positionskämpfe von Literarischem mit Nichtliterarischem verhindern, dass aus dem Roman ein Mittelalter-Schinken wird. Der Spaß überträgt sich.

Die Buch-Gestalter leisten augenzwinkernd ihren Beitrag: Künstliche Griffspuren und Fett-/Stock-/Dreckflecken auf dem Cover, keine Seitenzahlen, grober Papierschnitt. Das Ding gaukelt Alter und Vergilbtheit vor. Ein abgefahrenes Druckwerk.

Raoul Schrott:
Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal.
Hanser Verlag, München, 2019.
324 Seiten, 26 Euro.
ISBN 978 – 3 – 446 – 26380 – 2.

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