MUSICAL-REZENSION

Ein paar mehr mutige Narren täten uns gut

Sollte man einen über 500 Jahre alten Helden wie Till Ulenspiegel überhaupt noch auf die Bühne bringen? Die Schwedter Theatermacher haben sich an den Stoff gewagt.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Fabian Ranglack, Michael Kuczynski, Katarzyna Kunicka waren die Hauptdarsteller in dem Schwedter Musical.
Fabian Ranglack, Michael Kuczynski, Katarzyna Kunicka waren die Hauptdarsteller in dem Schwedter Musical. Udo Krause
Schwedt.

„Das Titellied ist wie ein Ohrwurm. Das geht einem nicht aus dem Kopf“, meint eine Besucherin nach der Premiere des Rockmusicals „Till Ulenspiegel“ am Samstag in Schwedt. In der Tat: Mit dem programmatischen Lied „All hier in Flandern, im schönen Flandern“ hat Komponist Benjamin Richter fast schon eine Art moderner Hymne auf den Teil Belgiens geschaffen, in dem niederländisch gesprochen wird.

Die Melodie setzt sich im Kopf fest, zusammen mit den Bildern des hervorragend tanzenden Ensembles der Uckermärkischen Bühnen Schwedt (Ubs). Zurecht gab es für die Truppe reichlich Applaus im Stück und zum Finale.

Die Musik ist bei einem Musical das Wichtigste. Ohne sie kommt keine Unterhaltung auf, gerät die Handlung ins Stocken. Bei „Till Ulenspiegel“ musste man sich darum keine Sorgen machen.

Neben „All hier in Flandern“ gab es jede Menge anderer Ohrwürmer – Balladen, Trinklieder und ernste Songs. Der Komponist sowie die Liveband takayo, in der mit Uli Herrmann-Schroedter und Tilman Hintze auch die Verantwortlichen für die musikalische Leitung spielen, haben wieder einmal professionelle Arbeit geleistet. Schade, dass man all diese Lieder nur einmal hören kann, weil man in der Regel jedes Stück nur einmal besucht.

Die drei Tugenden aus der griechischen Philosophie benutzen Wikipedia

Nicht zuletzt die doppelte Trommeleinlage sorgte für gute Stimmung im Publikum, live vorgetragen von Fortitudo (Lennart Olafsson), Sapentia (Theresa Röhle) und Justitia (Patrycja Rutkowicz).

Die drei Tugenden aus der griechischen Philosophie – Tapferkeit, Weisheit und Gerichtigkeit – schalteten sich immer wieder in die Handlung ein, vermittelten auf witzige Art – beispielsweise mit Hilfe von Smartphone und Wikipedia – Hintergrundwissen wie über die Geusen, die Rebellen, die im 80-jährigen Krieg gegen die spanischen Besetzer kämpften.

Natürlich braucht es für die Umsetzung von Musik, Texten und Choreographie (Elisa Holubowska) auf der Bühne auch die entsprechenden Darsteller: Die hat Regisseur Reinhard Simon mit dem Dreiergespann Till (Michael Kuczynski), seiner Freundin Nele (Katarzyna Kunicka) und dem gemeinsamen Freund aus Kindertagen Lamme (Fabian Ranglack) gefunden.

Auch die Schauspieler im Hintergrund glänzten

Kuczynski spielt zwischen Witz und Traurigkeit, zwischen Mut und Frechheit, wunderbar souverän und leicht. Katarzyna Kunicka steht dem kaum nach. Dass die Rolle der Frau an der Seite des Titelhelden durch das Autorenteam gestärkt wurde, tut der Handlung gut. Die Duette beider sind ein Genuss.

Wie Till und Nele als verkleidete Maler den Bürgermeister und die feinen Herrschaften mit einem leeren Gemälde à la „Des Kaisers neue Kleider“ vorführen, ist einfach nur köstlich gespielt.

Auch die zweite Reihe der Schauspieler und Sänger glänzt immer wieder mit Spielkunst und Gesang. Aus Platzgründen können nur drei Darsteller stellvertretend genannt werden: Alexandra-Magdalena Heinrich und Dominik Müller, die als Soetkin und Claes, die Eltern Tills, mit ihm das rockige „Ich will mehr“ singen.

Till Ulenspiegel zwischen lustigen Streichen und blutigem Freiheitskampf

Paulina Wojtowicz beeindruckt als Katheline (die Mutter Neles) mit dem schicksalshaften „Lied vom Verderben, vom Sterben“, mit dem sie den Tod der Eltern Tills voraussagt. Paulina Wojtowicz spielt, singt und tanzt übrigens noch sechs weitere Rollen, wie die meisten Ensemble-Mitglieder in mehrere Figuren schlüpfen. Theater-Insider wissen, dass dieses Wechselspiel vor allem einen riesigen Aufwand für die Maske und die Kostümabteilung samt Ankleiderinnen hinter der Bühne mit sich bringt, der von den Zuschauern nicht wahrgenommen werden kann. Hut ab!

Das Autorenteam um Jan Kirsten und Regisseur Simon hält in dem fast dreistündigen Musical die Waage zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, zwischen den vielen lustigen Streichen des Till Ulenspiegels und seiner Rolle im blutigen Freiheitskampf der Flandern gegen die Spanier und ihre katholische Kirche, frei nach Charles De Costers Adaption des Eulenspiegels auf den Spanisch-Niederländischen Krieg im 16. und 17. Jahrhundert.

Ein Narr für uns Wohlstandsbürger!

Sie geben dem Schelm damit seinen ernsthaften historischen Hintergrund, wenn er beispielsweise die Speichellecker und Ja-Sager des Bürgermeisters oder aber die scheinheiligen Edelbürger von Antwerpen vorführt. Angesichts solcher Anspielungen könnte man sich schon vorstellen, dass uns vielen Wohlstandsbürgern und der einen oder anderen Regierung ein Narr an die Seite gestellt wird, der uns den Spiegel vors Gesicht hält.

Abgesehen davon, sollten auch Eltern mit Kindern ab zwölf Jahren und Schulklassen einen Besuch des Tills in Betracht ziehen: Unterhaltsamer lassen sich Geschichte, Religion, Literatur und Musik zusammen wohl kaum unterrichten.

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Kommentare (1)

Es gibt keinen historischen Till Ulenspiegel aus Flandern. Er ist eine literarische Figur aus einem Roman des 19.Jahrhunderts von Charles de Coster. Der belgische Autor nimmt den deutschen Till Eulenspiegel aus dem 14.Jahrhundert als Grundlage. [Vielen Dank für den Hinweis; der Text wurde aktualisiert. D. Red.]