Literatur-Rezension
Ein Portugiese mit Nobelpreis-Reife

António Lobo Antunes: Vom Wesen der Götter. Luchterhand Literaturverlag, München, 2018.
António Lobo Antunes: Vom Wesen der Götter. Luchterhand Literaturverlag, München, 2018.
Luchterhand Literaturverlag

Auch mit seinem jüngsten Werk „Vom Wesen der Götter”, das sich mit der Ära von Diktator Salazar befasst, beweist António Lobo Antunes seine Klasse. Dieser Autor gehört genobelt!

Die Stockholmer Skandalnudeln von der Literatur-Nobelpreisjury dürfen sich gern auf ihre vornehmliche Aufgabe besinnen: Nach diversen justiziablen Affären und einem Sabbatjahr ehren die Schweden 2019 gleich zwei Schriftsteller. Dringende Empfehlung: Einer davon sollte António Lobo Antunes (76) sein. Der Portugiese ist nobel-reif, seit Langem.

Sein jüngster Roman „Vom Wesen der Götter“, nun auch auf Deutsch erschienen, muss letzte Zweifler verstummen lassen. Für diesen ebenso sprachbarocken wie experimentellen Brocken kennt der Freund der Gegenwartsliteratur kein Muster. Antunes' Mut, Erzählkonventionen in den Wind zu schießen, lässt an Landmann und Modernismus-Ikone Fernando Pessoa denken.

Verachtung für Frauen

Der Ausnahme-Autor errichtet und demontiert die Villen-Welt der Reichen und bleichen Schönen in der Ära des menschenscheuen und in der Heimat nach wie vor umstrittenen Diktators António de Oliveira Salazar (1889-1970). Im Lissaboner Atlantik-Vorort Cascais residiert die Hochherrschaft. Die Verlogenheit und Lebenslangeweile einer morbiden Gesellschaft. Im Zentrum: Senhor Doutor, ein skrupelfreier Unternehmer und Salazar-Intimus, der meint, mit Macht alles regeln zu können.

Er knüpft ein Netz von Abhängigkeiten, verbreitet Angst bei der erkauften Ehefrau, Angestellten, Frauen und Freundinnen von Angestellten, derer er sich nach Lust und Laune bedient. Mit Verachtung spricht er von Frauen als „Clowns“. Zum Zeugen von Nachwuchs zwingt Doutor – selbst nicht in der Lage – einen Gehilfen. In der Politik mischt er beim Verhökern des kriegswichtigen Metalls Wolfram an die Nazi-Deutschen für Raubgut aus jüdischem Besitz mit.

Jeder buhlt um die Lesergunst

Antunes hat ein großes Vertrauen in das literarische GPS und die epische Geduld seiner Leser. Die setzt er einem Gespinst von Figurenstimmen aus. Gedankenströmen eignen abrupte Unterbrechungen, manchmal mitten im Wort. In den Zeiten geht es sprunghaft zu. Wie der gottgleiche Chef tragen die Tochter, die weggesperrte Gattin, Zwangsgespielinnen, gehörnte Männer und einige weitere Opfer und Randerscheinungen des Doutor-Systems ihre Schicksale vor. Jeder buhlt um die Lesergunst. Da ist Tragik im Spiel, Einsamkeit, Liebesfrust, selten Witz, eher Melancholie und Weltschmerz, die legendäre Saudade der Portugiesen.

Wer bei der Lektüre meint, die Konstellationen durchschaut und das große Panorama zusammengepuzzelt zu haben, den überraschen immer wieder augenöffnende Wendungen. Es ist die Erzähl-Eigenart von António Lobo Antunes, der lange Zeit als Psychiater arbeitete, die seinem Roman Atmosphäre und Tiefe ermöglicht.

Senhor Doutor ist ein Ungeheuer, Antunes geht seiner Ungeheuerlichkeit auf den Grund, gibt dem Typ eine Sozialisation über Generationen und führt ihn bis ins Altmännliche mit Prostata-/Potenzproblemen und Larmoyanz. Mit Finesse bringt er Doutor dazu, allmählich die Larve vom Gesicht zu ziehen. Ein starkes Stück – Literatur.

António Lobo Antunes: Vom Wesen der Götter. Luchterhand Literaturverlag, München, 2018. 720 Seiten. 26 Euro. ISBN 978 – 3 – 630 – 87571 – 2.