LITERATUR

Ein Rächer macht seinen Frieden

Neu-Nobelpreisträger Peter Handke erzählt in der starken (Mai)-Geschichte „Das zweite Schwert“ von einem, der auszieht, um Vergeltung zu üben, und an Gelassenheit gewinnt.
Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 2020, Berlin
Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 2020, Berlin Suhrkamp Verlag
Neubrandenburg.

Wen die Vermutung anfällt, diese Langerzählung hätte anders als happy geendet, wäre sie nicht vor, sondern erst nach den Stockholmer Ereignissen geschrieben worden, der wird sich wohl nie der Literatur von Peter Handke (77) nähern. Am Rande der Nobelpreis-Verleihung im Dezember 2019 feuerte der österreichische Großautor – herausgefordert durch Presse-Fragen zu seiner kontrovers diskutierten Haltung pro Serbien im Jugoslawien-Konflikt – eine Breitseite gegen Journalisten ab.

Nun, ein Vierteljahr darauf, ist „Das zweite Schwert“ erschienen, als „Maigeschichte“ bereits im Frühling 2019 geschrieben. Darin bricht ein Ich-Erzähler zu einer „Rache-Expedition“ auf: Eine Zeitungsreporterin hatte wahrheitswidrig drucken lassen, „meine Mutter sei eine der Millionen aus der einstigen großen ,Donaumonarchie‘ gewesen, für welche die Einverleibung des kleingewordenen Lands ins ,Deutsche Reich‘ Anlass zu Freudenfesten gewesen war“ und habe also mit den Nazis sympathisiert. Verleumdung!, weiß bewusstes Ich und plant Vergeltung an der Lügnerin, die ebenfalls in der hügligen Paris-Peripherie lebt.

Ein Sicheinlassen auf Landschaft und Leute

Kreuz und quer ist der „Rächer“ unterwegs. Zu Fuß, mit Tram, Bus, Taxi, Schienenersatzgefährt. Aus Zielorientiertheit wird zunehmend ein Stromern, Sichtreibenlassen – ein Sicheinlassen auf Landschaft und Leute. Maikäfer unter einem Europawahlplakat, Pilze, diverse Fundstücke. Mitfahrende, die ihn aus der Passivität locken. Immer wieder gerät er in neue Gesellschaft und hat dabei „mit keinem einzigen bösen oder schlechten Menschen“ zu tun. Da ist Neugier geweckt, Lust auf Wahrnehmung, Entdeckergeist. Der Gedanken-/Empfindungsströmling entprovinzialisiert Vorstädte und Dörfer, macht sie zum Ereignis. Und kann nicht dagegen an, dass ihn ein Frieden durchdringt. Als er am Abend bei einem Fest in einer Bahnhofsgaststätte sitzt, stellt er fest, dass in dieser Geschichte „kein Platz“ für die Fake-News-Schreiberin sei. Was ihm als Rache genüge.

Typischer Handke-Sound: Wie in seinen besten (Alters)-Werken schickt er einen Flaneur auf Tour, einen Hellwachträumer, ausgestattet mit hochsensiblen Sensoren. Den Erzähler mit dem Autor gleichzusetzen wäre fatal. Handkes Mutter, eine Kärntner Slowenin, die 1972 Suizid vollzog, war – soweit bekannt – nie mit derart medialen Anwürfen konfrontiert. Fraglos enthält aber auch der neue Text Biografisches: Wie das Ich lebt der weltbekannte Einzelgänger Handke seit Jahrzehnten in der Île de France, gilt als leidenschaftlicher Wandersmann und hat wegen überlaut bellender Hunde auch mal Stress mit dem Nachbarn.

Selten so selbstironisch

Dass er, der Schriftsteller, sich an der Seite keiner Geringeren als Homer und Tolstoi sieht, darf auch diese Story kundtun. Darunter macht‘s ein Handke nicht! Selten aber auch ist er so selbstironisch gewesen: Sein Medium besitzt die Respektlosigkeit, sich „Idiot des Tages“ zu nennen und bisweilen zu ermahnen, „nicht spitzfindig“ zu werden, nicht ständig „sozusagen“ zu sagen. Es ist eine Heiterkeit in dem Stück, Gelassenheit.

Bei all dem jüngsten Aufruhr um die Person: Peter Handkes Arbeiten nehmen eine Ausnahmeposition in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ein. Mit der Maigeschichte hat er seine „Überlebensprosa“ um ein schlankes, feines Werk erweitert.

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 2020, Berlin. 160 Seiten, 20 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42940 – 2.

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