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Ein Sachse schwört auf Platten made in DDR

Ob Puhdys oder Karel Gott, „Traumzauberbaum“ oder „Goldene Gitarren“: Nicht nur Schallplatten aus dem Westen waren in der DDR ein begehrtes Gut – auch die aus dem eigenen Land. Uwe Winkler will das Erbe auf Vinyl bewahren.
dpa
Fast alle in der ehemaligen DDR unter dem Label Amiga erschienenen Schallplatten hat Uwe Winkler in seiner Sammlung. Dazu gehört auch die erste Schallplatte „Amiga Express 1953/54“ und die letzte Tina Turner „Foreign Affair“.
Fast alle in der ehemaligen DDR unter dem Label Amiga erschienenen Schallplatten hat Uwe Winkler in seiner Sammlung. Dazu gehört auch die erste Schallplatte „Amiga Express 1953/54“ und die letzte Tina Turner „Foreign Affair“. Peter Endig

Ein nur wenige Quadratmeter großer Kellerraum beherbergt das akustische Erbe der DDR. Dort sind Regale von der Decke bis zum Fußboden mit Schallplatten gefüllt. Die mehr als 15 000 Alben, die sich hier aneinanderreihen, stammen alle aus einem Land, das es nicht mehr gibt. „Mein Ziel ist es, von jeder Schallplatte, die in der DDR für den Normalbürger erhältlich war, ein Exemplar zu haben“, sagt der Sammler Uwe Winkler aus dem sächsischen Jesewitz.

Es waren zwei Daten in seinem Leben, die die Sammelleidenschaft befeuerten: Einerseits das Weihnachtsfest nach seinem 13. Geburtstag, an dem er einen Plattenspieler geschenkt bekam. „Im darauffolgenden Sommer hat mir mein Opa die ersten drei Platten gekauft“, erinnert sich Winkler. Das zweite Datum ist mit weit weniger schönen Erinnerungen verknüpft. 2003 wurde bei dem staatlich geprüften Feuerwerker eine schwere Erkrankung diagnostiziert. „Da habe ich mir ein Ziel gesteckt, das mich durch die Zeit der Chemotherapie gebracht hat“, sagt er.

Listen für alles – außer für DDR-Schallplatten

Und dieses Ziel bestand in nichts weniger als dem Wunsch, alle jemals in der früheren DDR erschienen Schallplatten zusammenzutragen. Dabei sind die Platten für ihn durchaus mehr als reine Sammlerstücke: Mit klassischer Musik untermalt er zum Beispiel von ihm gestaltete Feuerwerke.

Wie der Sammler berichtet, waren im VEB Deutsche Schallplatten Berlin sechs verschiedene Marken zusammengefasst. „Amiga stand anfangs für Unterhaltungsmusik allgemein, später für Rock und Pop, während Eterna die klassische Musik repräsentierte“, beginnt Winkler die Aufzählung. Auf Nova wurden die Werke zeitgenössischer Komponisten – vor allem die von Hans Eissler verfassten Stücke – veröffentlicht. Schola hieß das Label, auf dem Platten für den Schulunterricht erschienen. Litera stand für Literaturaufnahmen. Aurora schließlich war die Sparte für Arbeiterlieder.

Es sind aber nicht die sechs verschiedenen Labels, die Winkler die Sammelei erschweren. „Zu jedem Mist gibt es Listen, nur zu DDR-Schallplatten nicht“, ärgert er sich. Der letzte Katalog des VEB Deutsche Schallplatten umfasst nur die Ausgaben bis 1972, die danach erschienenen Platten sind seines Wissens nirgendwo verzeichnet.„Die größten Lücken in meiner Sammlung sind bestimmt Titel aus der Wendezeit, in der sich niemand mit DDR-Platten beschäftigt hat“, ist sich Winkler sicher.

Rarität bringt selbst Amiga-Chef zum Staunen

Die Sammlung von Uwe Winkler versetzt sogar den letzten Amiga-Label-Chef Jörg Stempel ins Staunen. „Mir fällt niemand ein, der so außergewöhnliche Raritäten besitzt“, sagt Stempel. Als Beispiel nennt er eine Platte des Blues-Musikers Stefan Diestelmann aus dem Jahr 1984. „Die wurde am Tag vor dem Verkaufsstart zurückgezogen, nachdem Diestelmann im Westen geblieben war.“

Nur ganz wenige Exemplare gerieten über nicht mehr nachvollziehbare Kanäle in die Hände von Sammlern, eines steht im Kellerregal von Uwe Winkler.

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