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Ein verwirrender Blick in die Sterne

Alexander Höchst (Bildmitte) spielt den Galilei, den man seine Verzweiflung über die Verbohrtheit der Kirche ansieht.
Alexander Höchst (Bildmitte) spielt den Galilei, den man seine Verzweiflung über die Verbohrtheit der Kirche ansieht.
joerg metzner

Das „Leben des Galilei“ ist in der Neustrelitzer Inszenierung ein Stück ohne viel Chichi. Leider wirkte die Premiere dadurch an einigen Stellen sonderbar leblos.

Regisseur Jürgen Kern macht es dem Zuschauer nicht einfach, das „Leben des Galilei“ zu mögen. Alles so trist, alles so reduziert, alles so schlicht, alles so karg. Die roten Kutten der Kirchenvertreter sind das Bunteste, was diese Inszenierung zu bieten hat. Das kann man lieben. Dann nichts wie rein in die neue Produktion, die am Wochenende Premiere hatte. Doch gerade solche recht behäbigen Aufführungen dürften dazu beitragen, weshalb mancher Schüler die Nase rümpft, wenn Bertolt Brechts Theaterklassiker auf dem Lehrplan steht. Von Hause aus präsentiert er sich – sagen wir mal – nicht gerade saftig. Man verschlingt ihn nicht, beißt sich eher durch.

Die Neustrelitzer Version plätschert so dahin, orientiert sich sklavisch genau an der Vorlage. Kaum Veränderungen, kaum Neuigkeiten, keine Experimente duldet dieser Galilei. Also gerade das Gegenteil von dem, für was das Stück eigentlich steht. Dass der Zuschauer dennoch nicht gelangweilt ist, mag an der Hoffnung liegen, da käme doch noch irgendwo ein Kracher, eine Improvisation, eine neue Wendung um die Ecke. Aber: nee, nee. Hier wird nicht ins Jetzt und Heute übertragen, obwohl die Wissenschaft noch immens viel mehr kann als damals. Der Grundkonflikt zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Forschung und Kirche könnte eine noch größere Rolle spielen. Die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung ließe sich ins Unermessliche steigern.

Eindeutige Positionierung bleibt aus

Kurz zum Inhalt: Das Stück erzählt von Physiker Galileo Galilei, der mit Hilfe eines eigens entworfenen Fernrohrs entdeckt hat, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Das bringt ihm bei den Geistlichen keine Freunde und er muss um sein Leben bangen, schwört er dieser Theorie nicht ab.

Sicher zeigt Kerns Inszenierung, wie verlogen der Klerus durch die Welt wandelt. Doch Theater heißt auch, eindeutig Stellung zu beziehen, sich etwas zu wagen, ein Fingerzeig zu geben. Das vermisst der Zuschauer.

Die Verbohrtheit der Kirche, die stets Neuerungen ablehnt, die nur dem Alten zugewandt ist, das absichtliche Verschließen der Augen vor der Realität – das anzuprangern war Brecht immer ein Anliegen. Die über Jahre gefestigte Position der Kirche ins Wanken zu bringen und dies wie durch ein Fernglas noch näher heranzuzoomen, noch mehr in den Fokus zu rücken, gehört gerade beim „Leben des Galilei“ zu den Hauptaufgaben des Regisseurs. Doch wo bleibt all das?

Kein Wunder, dass das 21-köpfige (!) Ensemble nur mit angezogener Handbremse agieren darf. Wie schade. Da freut es den Zuschauer umso mehr, dass einzelne Figurenkonstellationen äußerst gut gelungen sind. Alexander Höchsts Galileo Galilei sieht man die Verzweiflung an. Das Stück über bekommt er immer dunklere Augenränder und dennoch glaubt er unerschütterlich an den Sieg der Vernunft. Die Wissenschaft allen, egal welchen Standes, zugänglich zu machen ist ihm eine Herzensangelegenheit. Das spielt Höchst versessen und dann wieder ganz gelassen. Wirklich toll. Fast rührig und wie ein Vater kümmert er sich um Andrea (Johannes Emmrich wandlungsfähig innerhalb einer einzigen Rolle), den Sohn seiner Haushälterin. Die eigene Tochter Virginia (Lisa Voß diesmal als graues Mäuschen) lässt ihn hingegen kalt.

Was sonst noch bleibt? Ein karges Bild, einzig getragen von einer wuchtigen Treppe aus Pressholz. Schauspieler, die hauptsächlich in der Tiefe der Bühne spielen und deshalb akustisch teilweise kaum zu verstehen sind. Dieser Galilei ist also weit davon entfernt, die (Theater-)Welt aus den Angeln zu heben.

Weitere Aufführungen: 1.11., 6.11., 29.11., 26.12. und 16.1. im Landestheater Neustrelitz, 15.11. im Schauspielhaus Neubrandenburg