LITERATUR

Eine Villa wird zum Sinnbild

Hans Joachim Schädlich, ein Meister des reduzierten Sprach-Stils, erzählt in seinem neuen Buch „Die Villa“ die Geschichte einer vogtländischen Wollhändler-Familie in der Nazi-Zeit und den ersten Nachkriegsjahren.
Hans Joachim Schädlich: Die Villa. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2020
Hans Joachim Schädlich: Die Villa. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2020 Rowohlt Verlag
Neubrandenburg.

Andere Schriftsteller würden sich in diesem Stoff aalen und eine tausendseitige Familien-Saga daraus basteln. Hans Joachim Schädlichs neues Buch „Die Villa“ ist der Gegenentwurf einer Dickicht-Prosa. Ebenso durchlässig wie verdichtet, erfreulich merkwürdig. Voller Leerstellen. Auf (bewährt) lakonische und logische Art baut der Mittachtziger – von den bekannten Gegenwartsautoren in Deutschland wohl jener mit der höchsten Erzähl-Eigenart – die Geschichte um den Wollhändler Hans Kramer, dessen Frau, vier Kinder und verzweigte Verwandtschaft. Allesamt Vogtländer, die die Vorkriegs-, Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre – von 1931 bis 1950 – in der Heimat verbringen.

Kramer, NSDAP-Mitglied, sogar Ortsgruppenleiter, benötigt für sein Mittelständler-Ego den Besitz einer Reichenbacher Gründerzeit-Villa. Darin spielt sich fortan der Alltag der wachsenden Familie ab: Haushalts-Angelegenheiten, Mahlzeiten, Dummejungenstreiche, Auf und Ab der Firma, Gespräche zu Hitler-Feldzügen, Krankheit. An seinem Ende steht die Fehler-Einsicht, sich bedenkenlos den Nazis angedient zu haben. „Die Schuld kommt über uns alle“, sieht Kramer voraus, ehe er 1943 stirbt und seine Elisabeth mit Anhang ratlos zurücklässt. Bald rücken die Amerikaner an. Dann heißt es: „Heute kommt der Russe.“ Die Villa ist längst verkauft, wird um- und umgenutzt – ein Sinnbild für die Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts.

Konsequenzen tumben Mitläufertums

Kurz angebundene Dialoge, knappe Episoden, splitterhafte Szenen, bisweilen ein Satz für ein Bild, eine Stimmung – Hans Joachim Schädlich, selbst in Reichenbach gebürtig, pflegt einen reduzierten Stil. Vorgeblich nüchtern, gern im Ton biografischer Angaben, stellt er Leben und Schicksale in Diktaturen vor. Die Banalität des Bösen in totalitären Systemen, das ist das Thema dieses Autors. Innerseelisches überlässt er auch hier dem Empfindungsvermögen und Kopfkino seiner Leser. Im „Villa“-Text erfahren kleine Leute schmerzhafte Konsequenzen tumben Mitläufertums. Das Psychogramm des vermeintlich harmlosen Durchschnittstypen ist durchaus aktuell – eine unausgesprochene Warnung.

Ohne Erzähler-Eitelkeit schiebt Schädlich historische Daten und lehrbuchhafte Erklär-Stücke ein: Münchner Abkommen, „Nationalpolitische Erziehungsanstalten“ (Napola), Einquartierung, Lebensmittelkarten mit exakten Kalorien-Angaben. Spurenelemente von Humor golden die Chronisten-Kunst bisweilen an, eine Autor-Wertung geschieht minimal invasiv. Dieses Buch über Moral und Unmoral, Täuschung und Selbsttäuschung ist ein Passwort für viele weitere Bücher und gehört in die Schulen – Literatur- und Geschichtsunterricht.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2020. 192 Seiten. 20 Euro. ISBN 978 – 3 – 498 – 06555 – 3.

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