Unsere Themenseiten

:

Einkaufszettel für den Dichterfürsten

So malte Johann Heinrich Tischbein Goethe auf dessen Italien-Reise.
So malte Johann Heinrich Tischbein Goethe auf dessen Italien-Reise.
U. Edelmann/Städel Museum/ARTOTHEK/The British Museum

„Christianes und Goethes Ehebriefe“ geben einen interessanten Einblick in die Beziehung dieses ungleichen Paares. Es ging zärtlich zu – und anrührend praktisch. Mit freier Liebe schockten die beiden ihre Zeitgenossen.

„Und nun muss ich Wäsche aufhängen“, beendet Christiane Vulpius einen Brief vom 23. Mai 1798 an ihren Goethe, Johann Wolfgang. Am 15. März 1802 zeigt sie sich ihm gegenüber „zufrieden, dass die Mistbeete fertig“ seien. Ihren lieben Dank für sein Zusenden der „schönen Steck-, Näh- und Stricknadeln“ schreibt sie am 24. Mai 1810 nieder. Von letzteren übrigens möge er weitere schicken, aber etwas stärkere. - Ein Einkaufszettel für den Dichterfürsten.

Anrührend praktisch ging es bisweilen zu zwischen dem vielreisenden Universalgenie und seinem „kleinen Naturwesen“. Das Insel-Büchlein „Behalte mich ja lieb! Christianes und Goethes Ehebriefe“ – im Vorfeld des 250. Geburtstags von Christiane Vulpius/Goethe am 1. Juni 2015 als Sonderausgabe neu aufgelegt – gibt einen unterhaltsamen Einblick in die Beziehung dieses ungleichen Paares. Sigrid Damm, deutsche „Klassik-Beauftragte“, ist die Auswahl geglückt, zudem ein spannendes Nachwort. Dass die Efeuberankung des großen Weimarers dabei einige Blätter lässt, sei ihm gegönnt.

Missachtung des Ehesakraments!

Ehe er sie 1806 dann doch heiratete, lebte Goethe 18 Jahre in freier Liebe mit der um einiges jüngeren Christiane. Damals ein Skandal, später Stoff für Legenden. Missachtung des Ehesakraments!, lautete seinerzeit das Verdikt. Selbst Weggefährte Schiller entsetzte sich ob der Provokation. Goethe, ein Staatsdiener, ging dennoch weiterhin bei Hofe ein und aus ­– Christiane blieb der Zugang verwehrt. Zumal aus verarmtem Hause, war sie es, die für die unkonventionelle Existenz zahlte. Die adlige Schlangengrube tat ihren Job. Bettina von Arnim nannte Christiane „eine Blutwurst“, weil Hauswirtschaft und Gartenarbeit eher deren Interesse weckten als Bücher und Politik.

Christiane - eine anspruchslose Frohnatur

Gerade das Unverbildete indes war es, die Frohnatur und vor allem ihre Anspruchslosigkeit, was Goethe an Christiane gefiel. Der schätzte seinen Küchen-, Haus- und Bettschatz. Wie sie ihn brieflich einlud zu „ein paar Schlampamps-Stündchen“ und sich darum sorgte, dass er seine „6 Bouteillen Wein“ zugeschickt bekam. Sie schrieb heiter über den Alltag, das Gedeihen des Spargels, Kassenbuch-Stände und - vor allem in den frühen Briefen - mit heißem Herzen über ihre Liebe. Wobei sie, für diese Zeit als Frau durchaus unschicklich, die Themen Zärtlichkeit und Sex keinesfalls umschiffte. Goethe hatte offenbar ein Urvertrauen in Christiane, er antwortete erfreulich frei von Formulierungszwängen.

"Wenn du nicht da bist, ist es alles nichts"

Christiane war eine verlässliche Partnerin in seiner literarisch produktivsten Phase. Dass sie nicht die Hauptrolle in Goethes Lebenswerk spielen würde, wollte zunächst verwunden werden. Am 2. Oktober 1779 schrieb Christiane: „Kurz, wenn du nicht da bist, ist es alles nichts. Und wenn du nach Italien oder sonst eine lange Reise machst und willst mich nicht mitnehmen, so setze ich mich mit dem Gustl hinten darauf.“

Als ihr Widerstand gebrochen war und des „geschaukelten Betts lieblich knarrender Ton“ (Goethe) bei den beiden seltener zu hören, richtete sich Christiane in der offenen Zweierbeziehung ein. Während sich der Ernährer lieber in der feinen Welt aufhielt als in ihrer kleinen, zudem hart am Casanova-Ruf feilte, machte Christiane das Beste aus der Situation und „viel Äugelchen“. Vorzugsweise Uniformierten, guten Tänzern.

Sie starb tragisch

Zehn Jahre währte der Ehe-Zustand, man lebte längst parallel, da starb die schwerkranke Christiane. Unter Qualen und Kaumbeachtung des berühmten Gatten. Kurz zuvor hatte die 51-Jährige noch klaglos sein Studio blank gewienert. Das tragische Ende einer ungewöhnlichen Frau.

Behalte mich ja lieb! Christianes und Goethes Ehebriefe. Insel Verlag, 2015, 117 Seiten, 10 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 17636 – 7.

Weiterführende Links