GNTM-KOLUMNE

Einmal nicht hingeschaut - Heidis Models spielen mit Glitzerstiften

Für Naomi Campbell hat die Modelklasse der GNTM-Schule Namensschilder gebastelt. Während Vanessa ein Schneewittchen-Syndrom bekommt, freut sich Klassenlehrerin Klum: „Ach wie gut, dass niemand weiß, was Personality heißt!”
Christine Gerhard Christine Gerhard
Falls der Personality-Walk nicht individuell genug ist, sollen Namensschilder bei der Wiedererkennung helfen.
Falls der Personality-Walk nicht individuell genug ist, sollen Namensschilder bei der Wiedererkennung helfen. Screenshot Pro Sieben
Für die Ästhetik des Fotos ist es essenziell, dass Passanten im Hintergrund mitfilmen.
Für die Ästhetik des Fotos ist es essenziell, dass Passanten im Hintergrund mitfilmen. Screenshot Pro Sieben
Ertappt: Die Models haben mit Glitzerstiften gespielt.
Ertappt: Die Models haben mit Glitzerstiften gespielt. Screenshot Pro Sieben
Los Angeles.

In der letzten Folge vor dem Halbfinale standen die Vorabiprüfungen im Fach Personality an. Gar nicht so einfach, sich eine Personality auszudenken und dann in einer halben Minute pantomimisch darzustellen... Germany's Next Topmodel, ohnehin ein unerschöpflicher Quell für Germanistikstudierende, liefert dabei eine interessante Fragestellung für anstehende Hausarbeiten: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den scheinbar synonymen „Persönlichkeit” und „Personality”?

Caro, der immer wieder ihre Personalitylosigkeit zum Vorwurf gemacht wird, will das auch nicht recht einleuchten: „Ich habe 21 Jahre gelebt, also natürlich habe ich eine Personality.” So einfach ist das aber nicht! Nach eingehender ethnographischer Beobachtung der Sendung bietet sich folgende Arbeitshypothese an: Eine Persönlichkeit ist idealerweise ja komplex und vielschichtig, eine Personality, nach Definition von Heidi und der Modelbranche, sollte sich aber auf drei bestenfalls synonyme Schlagworte beschränken lassen (Zeit ist Geld) und möglichst grell und auffällig sein. Der Unterschied entspricht also in etwa dem zwischen einem echten Menschen und einer Comicfigur.

Bastelstunde hinter den GNTM-Kulissen

Nach diesem kurzen semantischen Exkurs zurück zur Sendung: Beim Fotoshooting sehen die Mädchen aus, als hätte Heidi sie gerade von einem Kindergeburtstag abgeholt, bei dem es zwar keine elterliche Aufsicht, aber dafür zehn Packungen Glitzerstifte gab. Und zwar in einer Entwicklungsphase, in der die Lieblingsfarbe „bunt” ist. Es folgt ein praktischer Workshop in „Bei Rot stehen, bei Grün gehen”.

Für die Ästhetik der Fotos ist es dabei von großer Wichtigkeit, dass im Hintergrund möglichst viele gaffende Passanten mit ihren Handys mitfilmen. Während die Mädchen also ihren Spaß in buntem Glitzer haben, haben auch die Praktikanten hinter den Kulissen offensichtlich Bastelstunde gehabt und die Namen der Models aus Styropor ausgesägt. Die müssen sich die Mädchen für den Walk auf die Köpfe setzen, damit auch Naomi Campbell weiß, wer wer ist. Die Gastjurorin war wohl so teuer, dass sie erst kurz vor der Entscheidung eingeflogen wird.

Spätestens bei der Entscheidung dürfte Vanessa sich dann auch ein akutes Schneewittchen-Syndrom eingefangen haben. Denn Heidi urteilt über sie frei nach de Brüdern Grimm: „Du bist die Schönste hier, doch Simone hinter den sieben Bergen, beim Shooting in Paris, ist noch tausend Mal schöner als du!”

Simone wollte einfach nur mal nach Paris

Aufgabenstellung beim Casting zu dem begehrten Job war: „Be your own kind of beautiful”, denn schön zu sein ist ja längst nicht mehr schwierig genug. Neuerdings muss man dazu noch mindestens eine seltene Pigmentstörung, eine kieferorthopädisch höchst bedenkliche Zahnlücke oder drei Brustwarzen aufweisen können. Eine Amputation geht auch.

Simone hat zwar nichts davon, aber das gewisse Etwas hat sie wohl trotzdem und so wurde sie für den begehrten Job ausgewählt. Sehr zum Ärger der Mädchen, die Simones fehlenden Teamgeist beklagten, nachdem sie nicht den Anstand gehabt hatte, eine andere gewinnen zu lassen. Unfair! Dabei wollte Simone doch einfach nur mal nach Paris... So irrational der Ärger der Kandidatinnen auch sein mag, irgendetwas ist wahrscheinlich wirklich faul mit jemandem, der sich selbst als „Sonnenschein” bezeichnet.

Simone jedenfalls rächt sich für die Missgunst gleich bei so ziemlich der gesamten Zuschauerschaft, indem sie sagt: „Ich bin froh, dass ich so hart für meinen Körper gearbeitet habe, sodass ich mich jetzt darin wohlfühlen kann.” Bumm, die Errungenschaften der Body Shaming-Debatte sowie einer ganzen Dove-Werbekampagne und einer Staffel GNTM, bei der auch „Mollige” mal mitspielen durften, mit einem einzigen Satz zunichte gemacht.

Pinke Gelnägel, unbequeme Jeans, Thilo Sarrazin – es gibt Dinge, die lassen sich mit einem (wenn auch abgeschlossenen) Studium der Geisteswissenschaften nur schwer vereinbaren. Alle Jahre wieder der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel entgegenzufiebern, gehört mit Sicherheit dazu. Da braucht es schon gute Vorwände: Ironische Distanz vielleicht, oder eine Kolumne. Unsere Autorin Christine Gerhard schreibt regelmäßig über die Show. Hier geht es zu allen Beiträgen.

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