LITERATUR-REZENSION

Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand

Das Buch des Kult-Autors Miron Bialoszewski liegt zum 75. Jahrestag eines der heroischsten und tragischsten Ereignisse in der polnischen Geschichte in einer neuen deutschen Übersetzung vor.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Bialoszewskis Buch über den Warschauer Aufstand ist in Polen ein Klassiker.
Bialoszewskis Buch über den Warschauer Aufstand ist in Polen ein Klassiker. Suhrkamp Verlag
Neubrandenburg.

Ssschu – bssumm – rrums – fiuuuu – wiuuuu – plock – cha … cha … cha – schschllrr. – Miron Bialoszewski versuchte für seine „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ gegen die deutschen Okkupanten während des Zweiten Weltkriegs eine Übertragung in Sprache, die Experiment und Worterfindung nicht ausschloss. Um das vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944 in seiner Heimatstadt Erlittene hör-, seh-, fühlbar zu machen, war, das wusste er, ein ebenso kreativer wie uneitler Autor gefordert. 75 Jahre nach dem Aufstand liegt dieses unkonventionelle und literarisch bemerkenswert moderne Dokument in einer neuen Übersetzung von Esther Kinsky vor.

Bialoszewskis Buch über eines der heroischsten, tragischsten Kapitel in der Geschichte des Landes – Mitte der 1960er im Rückblick entstanden – ist in Polen ein Klassiker. Womöglich, weil es aus der Perspektive eines Augen-/Ohrenzeugen geschrieben ist, der den Aufständischen beistand, ihnen aber nicht angehörte. Wie die meisten Warschauer war er auf der Flucht von einem Unterschlupf zum nächsten emotional im Ausnahmezustand.

Bohemien in grauer Volksrepublik-Zeit

Miron Bialoszewski (1922-1983) gilt in seiner Heimat als Kult-Figur: Bohemien in grauer Volksrepublik-Zeit, eigenwilliger Poet, Gastgeber literarischer Salons im Plattenbau, (Zimmer)-Theatermann. Die finale Zerstörung Warschaus während des Hitler-Kriegs erlebte er als junger Mann. Auf den Warschauer Aufstand durch zwei Untergrundarmeen – 14 Monate nach Niederschlagung des Ghetto-Aufstands – reagierten die Nazis mit wütenden Attacken und skrupellosen Bomben-Angriffen. Rund 180000 Polen, die meisten von ihnen Zivilisten, verloren ihr Leben.

Im glutenden Spätsommer hetzt das „Ich“ Miron Bialoszewski durch das unterirdische Warschau. Er ist auf der Suche nach Essbarem, Wasser, Überlebenden aus Familie und Bekanntenkreis. Panik zerfetzt die Sätze, verwackelt die Bilder: Von Leichen, die nicht begraben werden können, Verletzten, die er schleppt. Eine Freundin forscht nach dem kleinen Bruder. Sie findet ein Bein von ihm, den Schuh am Fuß. Die überfüllten Keller beherrscht die Angst vor Einschlägen. Es gibt einen Alltag aus Rosenkranzbeten, Läuseknacken, Gerüchte-Analyse, „Haufenmachen“, Krieg spielenden Kindern, bisweilen absurd abseitigen Gedanken. Viel Herzensgüte, zugleich harter Überlebenspragmatismus.

Stadt wird zu einem Trümmergebirge

Bialoszewski kommt es auf die „Tatsächlein“ an, Exaktheit. Er entschuldigt und korrigiert sich, wenn er etwas durcheinandergebracht hat. Straße für Straße, Viertel für Viertel lässt er Warschau auferstehen, ehe sich die Stadt immer „weniger ähnelt“ und zu einem Trümmergebirge wird. „Vielleicht rede ich hier zu viel von diesen alten Baudenkmälern. Aber sie waren wichtig, denn sie sind mit uns untergegangen“, so der Autor. Das Ringen um Erinnerungen und Orientierung im Gewirr wird zur Erkundung des Selbst.

Dem Zusammenbruch des Aufstands folgte eine Massendeportation der verbliebenen Bevölkerung. Miron Bialoszewski wurde zur Zwangsarbeit verschleppt, ihm gelang es zu fliehen.

Miron Bialoszewski: Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2019. 352 Seiten, 26 Euro. ISBN 978–3–518–22508–0.

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