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Es ging um den Menschen hinter dem Model

Für die Modezeitschrift Sibylle wurde Angela Fensch häufig gebucht.
Für die Modezeitschrift Sibylle wurde Angela Fensch häufig gebucht.
Günter Rössler

Wie war es in der DDR Mode zu präsentieren? Die Fotografin Angela Fensch hat fast 20 Jahre als Mannequin gearbeitet. Sie plaudert aus dem Nähkästchen, hat aber auch zum aktuellen Modebetrieb eine klare Meinung.

Eine schöne Frau ist Angela Fensch auch heute noch, an einem sonnigen Herbsttag 2014. Mittlerweile ist die gebürtige Schwerinerin 61 Jahre alt. Ihr rotbraunes Haar trägt sie lang – wie damals. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den lebendigen blauen Augen und dem großen Mund erzählt von einer offenen, doch sensiblen, lebenserfahrenen Frau. Eine Künstlerin.

Tausendfach fotografiert für DDR-Modezeitschriften, hat sie sich seit Jahrzehnten selbst der Fotografie verschrieben. Studiert hat sie diese Kunst in den 1970er Jahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Zahlreiche Ausstellungen, Bücher, Projekte und Langzeit-Studien zeugen von ihrer Leidenschaft. Etliche Jahre hat sie im uckermärkischen Bertikow gelebt und gearbeitet. Zwei Söhne hat sie dort groß gezogen.

Nun lebt sie in Berlin. In dieser Stadt begann 1972 ihre Karriere als Fotomodell und Mannequin in der DDR. Die Mutter ihres damaligen Freundes hatte Fotos von der 17-Jährigen auf einen Jugendmode-Aufruf hin eingeschickt. „Mich nimmt keiner, das ist sowieso Quatsch“, meinte sie damals. Es ist ganz anders gekommen.

"Wir brachten Lebensfreude mit"

20 Jahre lang präsentierte Angela Fensch in Zeitschriften wie „Sibylle“, „Modische Maschen“, „Für Dich“, „Die Mode“ und „Das Magazin“ den Schick, den DDR-Frauen tragen durften. Hinzu kamen Modepräsentationen bei Betriebsfeiern von Rügen bis nach Sonneberg. „Das waren eigentlich Mode-Shows mit angesagter Musik und meist auch mit bekannten Schlagersängern. In meiner Erinnerung kamen wir nicht als sterile Models, sondern als moderne Frauen zu den Feiernden in den Kulturhäusern. Wir brachten Lebensfreude mit und waren ganz authentisch, wirklich anwesend.“

Vielleicht ist es das, was Angela Fensch in der Rückschau als den großen Unterschied zur heutigen Mode-Branche empfindet. Grundsätzlich. Sie sagt: „Ich bin nicht platt benutzt und totgeschminkt worden. Immer ging es auch um den Menschen, der die Mode gerade trug.“ Modezeitschriften von heute langweilen sie. „Es ist öde, wie diese schönen jungen Frauen und Männer dargestellt werden. Sie pervertieren zum Beiwerk – Mode hat doch mit Menschen zu tun?“

Arbeiten heute noch Fotokunst

Die Großen der DDR-Modefotografie haben wohl immer nach dem unverwechselbaren Ausdruck eines Models in der jeweiligen Garderobe gesucht. Auf vielen der damaligen Zeitschriften-Bilder treten Kleidung und Accessoires fast zugunsten der Gesamtkomposition zurück. Gut und gern können die Arbeiten heute noch als Fotokunst bestehen. Günter Rössler, Sibylle Bergemann, Roger Melis, Arno Fischer und Wolfgang Wandelt – sie und andere mehr haben Angela Fensch für Zeitschriften und Magazine abgelichtet.

Manche Fotoserien in den Zeitschriften hatten letztlich mit dem DDR-Alltag wenig zu tun. „Sie passten eigentlich nicht in die vom Staat verordnete Auffassung vom sozialistischen Werktätigen“, sagt Angela Fensch. Und während die „Modischen Maschen“ und die „Pramo“ sich eher bieder und brav zeigten, gaben beispielsweise „Das Magazin“ und die „Sibylle“ extravagante Ausblicke. „Vielleicht war in diesen Zeitschriften, die ja weit mehr als nur Mode beinhalteten, den Machern und auch der Zensur wichtig, ein weltoffenes System zu zeigen“, gibt die Fotografin eine Erklärung.

Die freche "Sibylle" war schnell weg

Vor allem die „Sibylle“ war stilprägend. Models und Fotografen durften dort „frecher“ sein – „wir hatten offenbar Narrenfreiheit“, meint die Berlinerin. Viele DDR-Bürger mochten wohl die Machart, denn schnell war die „Sibylle“ vergriffen. Und offenbar wollte man die „Narrenfreiheit“ nicht ausufern lassen – nur sechs Mal im Jahr gab es sie – jeweils in einer Auflage von 200 000 Exemplaren.

Mit ihren Foto-Shootings und den Mode-Shows hat Angela Fensch freiberuflich das Geld verdient, mit dem sie sich ihre Fotografie finanzierte. Und zum Ende der 80er-Jahre trat sie immer öfter hinter die Kamera.

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