„Ratgeber Überleben”

Essay-Sammlung von Francis Bacon mit viel Spaß

"Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei”, so betitelt ist eine gut 400 Jahre alte Essay-Sammlung von dem berühmten Francis Bacon, die heute noch Spaß macht – zumal in modernem Gewand.
Francis Bacon: Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei. Faber & Faber Verlag, Leipzi
Francis Bacon: Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei. Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2021 Faber & Faber
Neubrandenburg

Nichts Fieses war ihm fremd, auch nichts Frommes – beste Voraussetzungen also, einen „Ratgeber Überleben” zu verfassen. Über die Vorzüge von Verschlagenheit schreiben, über die (Un)-Wahrheit, über große und kleine Politik, vor und hinter den Kulissen, über das Glück und die Liebe, die Ehe und das Unglück, über das Protzen parlieren, all das bereitete Francis Bacon (1561-1626) very much fun.

Der Autor, einer der bedeutendsten im alten England, brachte seine Erfahrungen als geschätzter und verachteter Philosoph, berühmter und berüchtigter Jurist, gefallener und wiederauferstandener Staatsmann in die Essay-Sammlung "Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei” ein.

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Er ließ allerdings gern auch an seinem Wissen in puncto Gartengestaltung, Hausbau und Kindererziehung teilhaben. Bewusster „Longseller”, der als literarische Legende gilt und nun in einer bibliophilen Neuausgabe mit 30 kraftvollen Farb-Collagen des renommierten Künstlers Sighard Gille (Jg. 1941) erschienen ist, hat kaum Moos angesetzt. Trotz seiner gut 400 Jahre verdächtig heutig!

Ein Beispiel gefällig? Bacon vertrat um 1600 die Ansicht, „Staaten, die Ausländern die Einbürgerung erleichtern”, seien im Vorteil. Womit er sich in aktuelle Debatten einmischt.

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Längliche oder quadratische Tische

Wie man politisch an die Macht kommt? Bacon riet: „Sind Parteien vorhanden, so tut man gut, sich auf eine davon zu stützen, solange man im Aufstieg begriffen ist, und wenn man oben ist, sein Gleichgewicht wiederzugewinnen.” Wie man der Macht bleibt? Bacon riet: Staatsfeindliche Parteien seien zu spalten, indem man Zwietracht und Misstrauen „unter ihnen sät”.

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Ein König sollte gute Ideen von Ratgebern unbedingt als die eigenen verkaufen. Besprechungen an länglichen oder quadratischen Tischen – diese Entscheidung könne wichtig für Resultate sein. Staatsbeamte sollten sich hinter die Löffel schreiben: „Die Empörungen des Magens” im Volk „sind die schlimmsten”.

Zu heucheln sei durchaus legitim, auch, sich zu verstellen, zu sticheln und Nebenleuten Worte in den Mund zu legen, „falls nichts anderes übrigbleibt”. Eine Beimischung von Lügen erhöhe auch „immer das Vergnügen”, meinte Francis Bacon, der sich seinerzeit nicht allein Meriten erarbeitete, sondern ebenso einen Ruf als geschickter Intrigant und notorischer Schuldner. Und: Von Nachfahren wird ihm sogar unterstellt, unter dem Alias „William Shakespeare” Dramen ausgeheckt zu haben.

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Plädoyer für mehr Taschengeld

Bei Königin Elisabeth I. fiel er in Ungnade. Dass dies nicht wegen seines Frauen-Bildes geschah, macht selbiges nicht besser: „Frauen sind die Geliebten der Männer in der Jugend, die Gefährtinnen auf der Höhe des Lebens, die Pflegerinnen im Alter.” Die Liebe richte „viel Unheil an”, es sei „unmöglich, zu lieben und weise zu sein”. Beim Nachwuchs punktete er: „Die Engherzigkeit der Eltern in Geldbewilligungen an ihre Kinder ist ein verhängnisvoller Irrtum.” Taschengeld! Ein ewiges Thema.

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Bacon verstand es, den Eindruck zu vermitteln, ein Universalgelehrter zu sein. Er war ein Kritiker, (wenn nötig) ein Moralapostel, in Grenzen ein früher Europäer. Seine versiert und höchst unterhaltsam geäußerten Klugheiten ließ er sich reichlich mit Zitaten der klassischen Griechen, Römer, Lateiner bestätigen. Da sticht eine tiefe Vernunft durch, die über seine Zeit hinausging. Klarheit der Gedanken und Sprache lassen staunen. Bacons immergültiges Statement lautet: „Religion durch Kriege zu verbreiten oder durch blutige Verfolgungen Gewissenzwang auszuüben”, verbiete sich.

Lektüre-Empfehlungen hat er selbstredend auch im Repertoire. „Einige Bücher muss man nur anlesen, andere wohl durchlesen, aber nur oberflächlich, und ganz wenige gründlich mit Fleiß und Aufmerksamkeit durchstudieren.” Zu Letztgenannten zählt übrigens Bacons Essay-Band.

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Francis Bacon: Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei

Mit 30 Collagen von Sighard Gille

Faber & Faber Verlag, Leipzig, 2021

208 Seiten, 36 Euro

ISBN 978 – 3 – 86730 – 214 – 2

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