Julian Barnes: Elizabeth Finch. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2022
Julian Barnes: Elizabeth Finch. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2022 Kiepenheuer&Witsch Verlag
Literatur

Faszination für „Satans kleinen Bruder”

Der große Briten-Autor Julian Barnes lädt mit seinem neuen Roman „Elizabeth Finch” zu einem unchristlichen Gedankenspiel ein. Wie anders sähe das Heute aus?
Neubrandenburg

Was wäre, wenn ... Julian Apostatas, römischer Kaiser im 4. Jahrhundert, nicht mit knapp über 30 und nach nur gut zwei Jahren Regentschaft in einem Krieg in der persischen Wüste das Zeitliche gesegnet hätte? Der „Abtrünnige”, so sein Beiname, schien drauf und dran, die „Flutwelle des Christentums” im Riesenreich einzudämmen und stattdessen Heidentum, Hellenismus, Judentum und anderen rivalisierenden Sekten eine Chance zu geben. Nicht ein Gott als Glaubens-Monopolist – mehr Götter dürften es sein, durchaus mit „Subunternehmern”.

Herdenweise Ochsen geopfert

Besagt geister-scheidenden Heiden-Kaiser, der ein fortschrittlicher Reformer und Kontrollfreak war, rückt ein Essay in den Fokus, den der britische Schriftsteller Julian Barnes in den Mittelteil seines neuen Romans „Elizabeth Finch” gestellt hat.

Barnes (76), der mit Ian McEwan das Top-Duo der Gegenwartsliteratur auf der Insel bildet, löst bei seinen Lesern ein an- und aufregendes Gedankenspiel aus. Wohin wäre die Welt gereist, wenn „Satans kleiner Bruder”, wie seine Gegner Julian gern betitelten, das unchristliche Werk hätte vollenden können. Wären die Folge-Jahrhunderte mit weniger Tyrannei, Korruption, Unfröhlichkeit verlaufen? Wie anders sähe das Heute aus?

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Barnes lässt an eine historische Figur erinnern, die besonnen und nüchtern dachte, andererseits der Eigensinn auf zwei Beinen war: Wahrsager und Orakaldeuter hatten bei Julian Apostatas ein solides Auskommen, er opferte herdenweise Ochsen – was übrigens seinen Soldaten gefiel, weil dabei der eine oder andere Braten für sie abfiel.

Von diesem Kaiser ging ein Faszination aus, die die klugen Köpfe bis ins 20. Jahrhundert beschäftigte – und entzweite. Die Interpretationsskala reichte von „Vorläufer der Aufklärung” bis „Inkarnation des Teufels”.

Eine paradoxe Sorte Verliebtheit

Schreiber jenes Essays über Julian Apostatas in dem Barnes-Roman ist der Ich-Erzähler Neil, dessen Scheitern im Leben – als Schauspieler, Vater, Ehemann – quasi Programm ist. Neil besucht in der Vor-Laptop-Zeit an der Abend-Universität eine Vorlesung zu Kultur/Zivilisation und ist begeistert von der hochintelligenten, unkonventionellen, komplett unsentimentalen Professorin Elizabeth Finch, die über ein Arsenal an Tricks verfügt, ihre Studenten zu eigenständigem Denken zu bewegen.

Bei Neil stellt sich eine paradoxe Sorte Verliebtheit ein. Er kommt und bleibt in Kontakt mit der Frau mit dem funkelnden Verstand. Und nach ihrem Tod erbt Neil ihre Bibliothek, die Notizen – und stellt fest, dass die Julian-Forschung für Elizabeth Finch die Pforte zu Geschichtsverständnis und -bewusstsein bedeutete.

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Großautor Julian Barnes ist bereits seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage, ungenießbare Romane zu schreiben. Im neuen Werk weist der erzählende Teil – rechts und links von dem anregenden Kaiser-Essay – freilich Spurenelemente einer Beflissenheit auf. Dennoch ist die Lektüre empfehlenswert: Die Begegnung mit dem „Abtrünnigen” bietet eine allemal spannende Entschädigung.

Julian Barnes: Elizabeth Finch. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2022. 240 Seiten. 24 Euro. ISBN 978-3-462-00327-7.

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