SARAH KIRSCH UND CHRISTA WOLF

Fatales Ende einer Frauen-Freundschaft nach der Wende

Der Briefwechsel „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“ gibt Auskunft über die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf. Nach dem Mauerfall hatten sie sich nichts mehr mitzuteilen.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019
Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019 Suhrkamp Verlag
Neubrandenburg.

In der Rückschau scheint es, als hätte die Sollbruchstelle dieser außergewöhnlichen Frauen-Freundschaft nicht funktioniert. 1977, ein Jahr nachdem sie die Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterzeichnet hatte, siedelte die Lyrikerin Sarah Kirsch (1935-2013) in die Bundesrepublik über. Die gleichfalls kritische Prosa-Schreiberin Christa Wolf (1929-2011), deren Unterschrift wie die von Kirsch in der ersten Reihe des berühmten Protest-Briefes steht, schloss sich trotz aller Schikanen nicht dem Exodus namhafter Schriftsteller an, sie blieb in der DDR.

Kein harter Bruch: Der Freundschaft der Autorinnen von Rang eignete ein Fatalismus. Der Entfremdungsprozess ging schleichend vonstatten, Weltsichten drifteten allmählich auseinander. 1989/1990 war nichts mehr zu kitten: Wolfs Wunsch einer Demokratisierung des Sozialismus nach dem Mauerfall war für Kirsch inakzeptabel. Die „Wölfin“ – längst im Clinch mit Literatur-Papst (und Kirsch-Gönner) Marcel Reich-Ranicki – vermisste Beistand, als sie im sogenannten „Literaturstreit“ als Staatsdichterin attackiert und als moralische Instanz demontiert wurde. Wolf schrieb Kirsch: „Ich hätte mich in diesem langen Sommer über ein Wort von Dir gefreut.“ Kirsch hatte zuvor ausrichten lassen: „Christa soll mal 1 Jahr in der Versenkung verschwinden und lieber was Anständiges schreiben. Oder was Unanständiges.“

Akribische Arbeit der Herausgeberin

Knapp drei Jahrzehnte hatte die Freundschaft Bestand. Über Höhen und Tiefen gibt der Briefwechsel „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“ in bemerkenswerter Intensität und – dank der akribischen Arbeit von Herausgeberin Sabine Wolf (nicht verwandt!) – reich an Hintergrund-Informationen Auskunft. Selten sind Fußnoten so spannend gewesen. Wer ob der Allgegenwart des Wende-Themas im Jubiläumsjahr einen Überdruss verspürt, dürfte durch die nicht alltägliche und prominente Perspektive, die dieser Brief-Band bietet, neue Lust an der Beschäftigung mit deutsch-deutscher Geschichte gewinnen.

Über Wolfs Ehemann Gerhard, der als Förderer auf der DDR-Lyrikwelle Anfang der 1960er schwamm, lernten sich die Frauen kennen. Unterschiedliche Temperamente. Beide zunächst vom jungen antifaschistischen Staat beseelt, doch bereits mit Frühwerken bei den Hardlinern der Kultur-/SED-Bürokratie aneckend. Dekadenz, ideologisches Abweichlertum, Verstöße gegen die Vorgaben des sozialistischen Realismus – so lauteten die Vorwürfe. Zum Verzweifeln! Auch darüber tauschte man sich brieflich aus.

Ein Händchen für die falschen Männer

In gleichem Maße ging es privat zu. Klatsch, Kummer, Kollegen, Krankheiten. Sarah Kirsch, eine studierte Biologin, hatte offenbar ein Händchen für die falschen Männer. Eine Schock-Verliebte. Dem Ex-Gatten Rainer Kirsch folgten mit Karl Mickel und Christoph Meckel weitere Lyriker. Zwischendurch gab‘s Affären, so mit Drehbuch-Autor Wolfgang Kohlhaase, der mit ihr die bekannte Fernsehballett-Tänzerin Emöke Pöstenyi betrog. Kirsch hatte einen schönen Hang zu Sarkasmus und sprachlicher Schnoddrigkeit. Sie war alleinerziehend, in Berlin irgendwie immer auf Wohnungssuche, flippig bis kapriziös. Bisweilen trank sie über den Durst. Von DDR-Hardlinern als Schriftstellerin beizeiten auf Eis gelegt, hielt sie sich mühsam mit Übersetzungen über Wasser. Schulden blieben nicht aus, die Wolfs halfen.

Christa Wolf – das ganze Gegenteil. Ein reflektierender, analytischer Typ, selten die Beherrschung verlierend. Anrührende Briefmomente: Wenn sie sich aus der Reserve locken ließ, verbale Spielchen mitmachte. Dass Wolf ein Familienmensch war, lebenslänglich verheiratet, und in gesicherten Verhältnissen lebte, erregte Kirschs Neid: „Du hast natürlich gut reden mit so einem schönen heilen Hinterland im Rücken.“ Da war der „Wölfe“-Fluchtort mitgemeint – statt Berlin-Hektik die Mecklenburg-Idylle.

Wachsende Skepsis

Nach der Biermann-Ausbürgerung, als sie dann in schleswig-holsteinischer Abgeschiedenheit lebte und ihre Natur-/Gedankenlyrik verfeinerte, verfolgte Kirsch mit wachsender Skepsis, wie Wolf – dank Reise-Privilegien – auch im westlichen Literaturbetrieb für Furore sorgte. Die Briefinhalte verloren an Tiefgang, Nähe ging verloren.

Christa Wolf wollte auch jener DDR, die sie aufs Abstellgleis schob, nicht endgültig den Rücken kehren. Sie argumentierte, ihr würde ansonsten „die gewohnte Reibung“ fehlen, sie fürchtete um ihre Wurzeln und Schreibantriebe. Sarah Kirsch konnte sich den „Sozjalißmuß“ nicht schöngucken. Das Band zwischen beiden wurde dünn, riss.

Neben den Briefen hat der Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Umbrüche und Wendezeiten” ein Interview veröffentlicht, das Thomas Grimm im Jahr 2008 mit Christa und Gerhard Wolf führte. Sie äußern sich darin über den DDR-Alltag, die friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung.

Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Der Briefwechsel. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019. 438 Seiten, 32 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42886 – 3.

Christa Wolf: Umbrüche und Wendezeiten. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019. 143 Seiten, 12 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 46962 – 0.

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