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„Frauen sind das Schönste, was man inszenieren kann“

In „Zum Geburtstag“ spielt Marie Bäumer eine berufstätige Ehefrau und Mutter, deren Leben durch eine Jugendsünde ihres Mannes aus den Fugen gerät. André Wesche hat mit der Schauspielerin über den Film gesprochen.

Marie Bäumer.
X-Verleih Marie Bäumer, hier mit Sylvester Groth.

Frau Bäumer, der Film „Zum Geburtstag” baut von Beginn an eine unheilschwangere Atmosphäre auf. Haben Sie das bereits beim Lesen des Drehbuchs gespürt - ohne Musik, ohne optische Eindrücke?

Für mich begann der Einstieg in die Geschichte tatsächlich in der ersten Sekunde der Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Alles war einfach sofort klar. Die Art, wie Denis Dercourt arbeitet, entspricht mir sehr: Ein sehr kleines Team, die Kamera immer ganz nah dran, dieses völlig Reduzierte. Jede überflüssige Geste wird herausgeworfen, was die Spielweise fast artifiziell macht. Außerdem ist Denis auch Musiker und der fünfte Protagonist in „Zum Geburtstag” ist nun einmal die Musik. Sie formt sehr stark den Bogen der Geschichte.

Wie hat Ihnen Denis Dercourt vermittelt, was er von Ihnen erwartet?

Als Mark Waschke und ich anfingen zu spielen, hat er mal ganz trocken in den Raum gestellt: „Wir sind hier nicht bei einer Vorabendserie!”. Mark stand erst mal kurz unter Schock, hat es aber dann mit viel Humor aufgefangen. Es wurde unser Running Gag bei dieser Produktion. Alles lief am Ende auf das hinaus, was ich zunehmend interessanter finde - im Leben überhaupt und in der Arbeit und der Kunst auch: die Reduktion. Was kann ich weglassen, was kann ich noch weglassen? Ich bin für solche Aufgaben im Bereich Film sehr dankbar, weil es viel Sinn ergibt, Projektionsflächen zu schaffen und Sehnsuchtsträger zu inszenieren, eben filmarchitektonisch zu arbeiten. So lässt man dem Zuschauer die Chance, in verschiedene Ebenen hinein zu zoomen. Ich glaube, das ist in „Zum Geburtstag” sehr gut gelungen.

Haben sich unterschiedliche, deutsche und französische Mentalitäten gezeigt?

Denis war hin und weg von der Präzision der deutschen Schauspieler. Es war auch neu für ihn, dass alle ihren Text konnten. (lacht) Wir haben uns gern von seiner Energie anstecken lassen, aber es erforderte auch hohe Konzentration, vor allem in langen Dialogsequenzen. Die Szene mit den vier Hauptdarstellern am Tisch entstand in einer sehr langen und kalten Nacht. Der Frühherbst in Deutschland ist in einem alten Gemäuer nicht gerade kuschlig.   

Denis Dercourt beklagt, dass anders als in Frankreich Frauen im deutschen Film zu selten schön und glamourös in Szene gesetzt werden. Empfinden Sie das ähnlich?

Ja, natürlich. Die Franzosen wissen, dass das Schönste, was man inszenieren kann, Frauen sind. Das haben die einfach raus. Christian Petzold hat es mit Nina Hoss in „Barbara” ganz wunderbar gemacht. Ansonsten können sich die Deutschen darin noch ein wenig üben.

Sind Sie, wie im Film zu sehen, tatsächlich eine gute Pianistin?

Nein, leider nicht, es reicht gerade für den Hausgebrauch... Ich hatte in Berlin eine wunderbare, junge, französische Pianistin an meiner Seite und habe sehr intensiv täglich über Wochen hinweg geübt. Als ich zwischendurch mal nach Frankreich ausgebüxt bin, habe ich bei Freunden in der Provence an einem weißen Flügel mit Blick in die Natur üben dürfen, das war wunderschön. Es ist eine angenehme Begleiterscheinung des Berufes, dass man manchmal schönen Dingen intensiv nachgehen kann, die im Alltag leider zu kurz kommen.

Der Film beginnt in der DDR. Haben Sie eigene Erfahrungen mit diesem Staat gesammelt?

Ich war ein Jahr nach dem Mauerfall zum ersten Mal in Dresden. Das war sozusagen mein „Erstkontakt”. Inzwischen bin ich öfter in Dresden oder Leipzig gewesen und war immer wieder beeindruckt, wie sehr die Kunst und die Kultur dort verankert sind. Für mich ist sie stärker spürbar als im Westen. Ich finde die Menschen sehr offen und liebenswürdig. Das sozial Zugewandte, die Offenheit und das natürliche Miteinander empfinde ich als stärker ausgeprägt als im Westen. Meine wichtigste Lehrerin war Jutta Hoffmann, einer der Stars der DDR. Gut ausgebildete Schauspieler wie Angelica Domröse, Corinna Harfouch, Michael Gwisdek oder Uli Mühe hatten oder haben eine ganz eigenwillige, intelligente Herangehensweise an die Dinge. Dass der Staat als solcher mit seinen Beschränkungen und Begrenzungen und dem absoluten Machtanspruch nicht mit meinen eigenen Freiheitsgedanken vereinbar ist, ist klar. Seine Bürger einfach einzumauern, war natürlich vollkommener Wahnsinn. Der Westen hat sich mit seiner gönnerhaften Arroganz aber auch nicht von seiner besten Seite gezeigt, die unter anderem dazu führte, dass Akademiker aus dem Osten ihr Studium wiederholen mussten, um sich hier auf dem Markt etablieren zu dürfen. Das eine oder andere hätte man auch gegenseitig voneinander lernen können.

Gehen Sie am Feierabend gleichermaßen entspannt nach Hause, wenn Sie der „Schuh des Manitu” oder „Zum Geburtstag” drehen?

Die äußeren Umstände spielen immer eine Rolle, sogar das Wetter. Bei „Der Schuh des Manitu” hatten wir so viel Regen, wie schon seit 50 Jahren nicht mehr in diesem spanischen Landstrich gefallen war. Man hatte jeden Tag die Sorge, dass die großen, gebauten Außensets wegschwimmen. Das kann auf die Stimmung schlagen. Ansonsten ist es schon auch mitprägend, welche Themen man abhandelt. Wenn es in eine ganz konzentrierte, düstere Geschichte hineingeht, kann das die Stimmung durchaus beeinflussen. In der Essenz ist aber die Frage, was für Typen im Ensemble aufeinandertreffen oder wie der Regisseur tickt. Mit Denis konnte die Stimmung am Set durchaus heiter sein. Und Bully Herbig ist niemand, der den ganzen Tag nur lacht, sondern ein hochkonzentrierter Arbeiter. Ich mag ihn sehr, aber Komödie ist auch eisenhart. Nach dem 25-sten Take lacht niemand mehr.

Eine Woche nach „Zum Geburtstag" startet Ihr Film „Der Geschmack von Apfelkernen". Können Sie die beiden Arbeiten miteinander vergleichen?

Nein, das geht gar nicht, es sind zwei viel zu unterschiedliche Projekte. Vielleicht besteht eine Gemeinsamkeit darin, dass es in beiden Fällen von einer scheinbar heiteren Oberfläche ziemlich schnell ans Eingemachte geht. „Zum Geburtstag" war eine sehr konzentrierte, kammerspielartige, in der Form sehr bewegliche und freie Arbeit. Vivian Naefe hat mit „Der Geschmack von Apfelkernen" einen großen Ensemblefilm mit vielen Kindern und entsprechend vielen Drehtagen gemacht, in dem ich nur eine Nebenrolle spiele.

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