LITERATUR

Früher Johnson-Roman (leider) noch aktuell

„Das dritte Buch über Achim” vom mecklenburgischen Weltautor Uwe Johnson galt vor knapp sechs Jahrzehnten als der Roman zum Mauerbau. Die Neuausgabe erweist sich als Fundgrube.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019.
Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019. Suhrkamp Verlag
Neubrandenburg.

Wie weit Ost und West mentalitätsgeschichtlich auseinandergedriftet sind – 30 Jahre nach dem Mauerfall ein hitzig disputiertes Thema. Man stehe einander gegenüber, verstehe einander nicht, lautet die missvergnügliche Diagnose. Nichts, was das Jahr 2019 exklusiv hätte. Der Nummer-eins-Roman zur deutsch-deutschen Entfremdung ist nämlich bereits vor sechs Jahrzehnten geschrieben worden: „Das dritte Buch über Achim“, eine frühe Arbeit von Weltautor und Mecklenburg-Fan Uwe Johnson (1934-1984).

Einen besseren Zeitpunkt als das Jubiläum der politischen Wende hätte es für die Neuausgabe dieses Romans gar nicht geben können. Es handelt sich um den dritten der auf 43 Bände (!) angelegten „Rostocker Werkausgabe“, die der Suhrkamp Verlag publiziert, ein Mammut-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie.

Parallelen zu Radsport-Ass „Täve” Schur

Der „Achim“-Roman spielt in den Monaten vor der Mauerbau-Zäsur am 13. August 1961. Deutschlands und Berlins Hälften sind noch nicht komplett militärisch abgeriegelt. In welchem Maße sich die Leute in beiden deutschen Lagern aber bereits zehn Jahre nach den Staatsgründungen voneinander entfernt haben, erlebt der Hamburger Journalist Karsch. Der plant eine Biografie über den in der DDR prominenten Radrennfahrer Achim. Sein Projekt, Achims Leben und Überzeugungen zu eruieren, scheitert. Seine Kategorien stoßen bei dem, um den es gehen soll, auf Unverständnis. Die Hauptfigur weist Parallelen zu Radsport-Ass Gustav-Adolf Schur auf, „Täve“ genannt, der wegen seiner Bescheidenheit legendär war und nach innen wie außen die Idee des Sozialismus vertrat.

Der Roman über miese Kompromisse, Verbohrtheit, Lebenslügen, sprachlich eigenwillig und voll Verschachtelung machte den jungen Johnson über Nacht zum „Dichter beider Deutschland“, zu einer prägenden Figur der literarischen Szene in der Bundesrepublik. Obwohl kurz zuvor veröffentlicht, traf „Das dritte Buch über Achim“ den historischen Moment: Mauerbau. Es machte Grenzen und Unterschiede sichtbar, stellte ein öst-westliches Stimmungsbild her.

Der ebenso leidenschaftliche wie geschäftstüchtige Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld startete seinerzeit eine große PR-Kampagne zum „Roman der Stunde“. Nicht das berühmte „Jahrestage“-Epos, sondern der „Achim“ ist bis heute der am häufigsten übersetzte Johnson-Roman.

Wieder-Lektüre lässt staunen

Uwe Johnson, in Anklam und Güstrow aufgewachsen und 1959 nach Westberlin übergesiedelt, erklärte: Er habe sich zur Niederschrift dieses Romans entschlossen, „weil ich dachte, daß die Teilung Deutschlands in bestimmten Aspekten für die Teilung der Welt repräsentativ wäre, und weil ich glaube, daß die Konfrontation zweier Lebensweisen, zweier verschiedener Kulturen, zweier verschiedener Wirtschafts- und Regierungsformen – und ich bin von der Gegensätzlichkeit dieser Unterschiede überzeugt – die Wahl verdeutlichen könne, vor die wir gestellt sind”.

Knapp 60 Jahre nach seinem Erscheinen lässt die (Re)-Lektüre staunen. „Das dritte Buch über Achim“ vermag in Wiedervereinigungsdebatten nach wie vor seinen Beitrag zu leisten. Die Neuausgabe wartet mit einem umfänglichen, durchaus leserfreundlichen Apparat auf – von Textkritik bis Sachkommentar: Eine riesige Fundgrube, nicht allein für „Johnsonianer“. Sich darin zu vertiefen, schärft historisches Bewusstsein.

Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim. Rostocker Ausgabe. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019. 632 Seiten. 44 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42703 – 3.

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