Volker Braun: Luf-Passion. Verlag Faber & Faber, 2022
Volker Braun: Luf-Passion. Verlag Faber & Faber, 2022 Faber & Faber
Literatur

Gedichtzyklus zu kolonialem Übel und Erbe

Ausnahme-Autor Volker Braun mischt sich mit dem Gedicht-Band „Luf-Passion” in die kontroverse Debatte zu kolonialen Verbrechen und Raubkunst ein.
Neubrandenburg

Ein Zweimaster, voll betakelt, 16 Meter lang, hochseetauglich, herrlich verziert. Prächtig ist dieser Kreuzer, für ein halbes Hundert Passiere gedacht. Das Holzboot stammt von der Insel Luf in Papua-Neuguinea, die einst zur Kolonie Deutsch-Neuguinea gehörte, und sollte nun das Parade-Exponat des Ethnologischen Museums im 2021 eröffneten Berliner Humboldt Forum sein. In den Blickpunkt ist es freilich aus einem anderen Grund geraten: Um das im Jahr 1904 aus der Südsee ins deutsche Kaiserreich gelangte „Luf-Boot” hat sich eine kontrovers geführte Debatte zu kolonialem Verbrechen und Raubgut entsponnen. Dieser Tage ist die letzte Teileröffnung des Forums mit der Präsentation der ebenfalls als koloniale Raubkunst geltenden Benin-Bronzen erfolgt.

Die Literatur mischt sich erfreulich in den Diskurs ein: Genre-Allrounder Volker Braun zählt – wie schon in Sachen Corona-Pandemie („Große Fuge”) – zu den Ersten. Der 83-Jährige aus dem Osten, einer der grimmigsten Widerspruchsgeister unter den Gegenwartsautoren Deutschlands, reagiert einmal mehr im büchner-/brechtschen Sinn auf die Forderungen des Tages und legt den Gedicht-Zyklus „Luf-Passion” vor, ehe das Thema lauwarm werden kann.

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Ohne Emotion und Empathie

Neben eigenen lyrischen Texten bietet Braun in Versform eine Collage mit selbstentlarvendem Schriftverkehr aus dem wilhelminischen Reich zu deutschen Kolonial-Angelegenheiten. „Prügeln Rauben Schänden Morden / nehmen großen Anteil der Arbeits- / kraft europ. Beamter in Anspruch”, heißt es in einem Schreiben, dessen Lakonie und Kälte schmerzen. Dass die Einheimischen für sich selbst zu sorgen vermochten, sei „ein Übelstand”.

Ohne Emotion und Empathie wird von „Strafexpeditionen” in den 1880ern berichtet, von grausamem Töten Einheimischer, Zerstörung der (Über)-Lebensstrukturen, insbesondere des wichtigen Bootsverkehrs. Ein Preußen-Soldat im Militärton über ein Gemetzel: „Wir machten das aber, damit ein heilsamer / Schrecken über die Kanaken kommt.” Er schließt: „Wenig später hißten wir die schwarz- / weiße Fahne auf dem Archipel Bismarck / Neu-Mecklenburg Neu-Pommern auf Neuguinea.”

Ein augenöffnender Er- und Aufklärer

Die Ozeanien-Frauen kommen selbst zu Wort – unter dem Titel „Syphilis”. Und: Braun zitiert Diderots „alten Tahitianer” sowie einen Bach-Choral über einen Christen-Gott, der „züchtiget mit Maßen”. Europäische Kultur – prallt auf Kolonialgeschichte.

Fragmente, Kontraste, das Polyfone, Parallele und einander Konternde der Stimmen, die Suche nach Ansätzen – all das ergibt ein großes dramatisches Gedicht. Volker Braun erweist sich, verlässlich auch in diesem Fall, als kluger, augenöffnender Er- und Aufklärer. Er legt die Wurzeln kolonialen Denkens im Kaiserreich frei und nimmt die heutigen Demokratien in die Pflicht. Es geht um: „Eine globale Schuld- / Verschreibung völkerverbindenden Unrechts / Die offene Rechnung der Weltmuseen.”

Die „Luf-Passion” ist in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen, im Format eines Wendebuchs. Die Übertragung ins Englische besorgte die US-Dichterin Ann Cotten.

Volker Braun: Luf-Passion. Verlag Faber & Faber, 2022. 64 Seiten. ISBN: 978 – 3 – 86730 – 234 – 0.

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