LITERATUR-REZENSION

Greise Geilheit oder Provokation?

Schenkel-Grapscher, Macho-Blogger, Trump-Fan – der Ich-Erzähler in Martin Walsers Kurzroman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ versteht es, sich unbeliebt zu machen.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2018
Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2018 Rowohlt Verlag
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Neubrandenburg.

Er hat’s geschafft – wieder einmal. Martin Walser, 91, zerlegt das deutsche Feuilleton. Um die hehre Literaturkritik in Verwirrung und Widerstreit zu bringen, braucht es kein sprachmächtiges Werk wie in früheren Zeiten. Das Romänchen „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ – literarisch keine Offenbarung – genügt schon.

Auch an jenen biestigen 100 Seiten von dem ebenso geschätzten wie gescholtenen Autor lässt sich schön abarbeiten. Greise Geilheit oder Provokation? – Die Grundfrage an seine späten Texte steht auch dieses Mal. Politische Korrektheit zu predigen verbietet sich für Walser ohnehin.

Ein Schwäche-Bekenner-Nerd

Ich-Erzähler – Justus Mall, einst Gottlieb Schall – ist eine typische Walser-Figur. Ein Schwäche-Bekenner-Nerd, in die Jahre gekommen. Gern wäre er „alles andere als ich“, an heiklen Stellen wechselt das larmoyante Ich zum Er. Etwa als der Oberregierungsrat im bayerischen Justizministerium in der zweiten Pause einer „Tristan“-Aufführung an der Bar, berauscht von Wagner, „mit einem Finger auf die gleißende Schenkelrundung“ einer jungen Frau tippt.

Die Schenkel-Eignerin erweist sich als Praktikantin bei der Süddeutschen Zeitung, und die Dinge nehmen ihren Lauf: Öffentliche Grapscher-Anklage, vorzeitiger Ruhestand. Schall benennt sich um: Mall. Sein Zeigefinger-Handeln kann er erklären: Er fühle sich „andauernd verführt“, bedrängt von der Allgegenwart „steiler Brüste“, tja einer weiblichen „Anmacharmee”. Da „langt man eben eine Zehntelsekunde lang hin“, wenn sich die Gelegenheit biete.

Standardsituation: Gattin und Gspusi

All das beichtet die Persona non grata – nunmehr Philosoph – freimütig per Blog einer „geliebten Unbekannten“ respektive „unbekannten Geliebten“. Ins Irgend-/Nirgendwo hinein phantasiert sich Mall eine Rechtfertigung, eine Macho-Logik zusammen, auf hohes Bewusstsein getrimmt und mit autosuggestiver Wirkung.

Eine ihn umtreibende Problematik: „Vielleicht ist es leichter, keine Frau zu haben als nur eine.“ Zumal er selbst „zwischen zweien“ steht. Standardsituation: Gattin und Gspusi. „Ich bin beiden treu“, behauptet er, hätte nun freilich mit seinem Blog-Bewerbungsschreiben die Eine gelockt, die ihn tatsächlich verstehe.

Etwa, dass er Donald Trump „als Belebung“ empfinde, weil der weniger gelogen habe als andere US-Präsidentschaftskandidaten. Oder, dass er den Kritiker seiner philosophischen Bücher, Scharfrichter-Sorte, nach einem Hörsturz liebend gern im Koma sieht. Als sich herausstellt, Justus Mall feiert als Erzeuger von Romanen „des Überflüssigen“, ebenso inhaltsarm wie packend, Verkaufserfolge, dürfte klar sein: Wer den nicht als zynisches Comic-Personal sieht, ist Martin Walser auf den Leim gegangen.

Den Kurzroman einen gezielten Beitrag zu MeToo und also der aktuellen Sexismus-Debatte auf Walser-Weise zu nennen verbietet sich allerdings ebenso – nachgerade lächerlich. In den vergangenen Jahrzehnten ließ der Autor bereits eine ganze Horde Herren mit ähnlichen Fehlfunktionen auf seine Leser/innen los.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2018. 107 Seiten. 18 Euro. ISBN 978 – 3 ­– 498 – 07400 – 5.

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