Marcel Proust: Briefe an seine Nachbarin. Insel Verlag, Berlin, 2021
Marcel Proust: Briefe an seine Nachbarin. Insel Verlag, Berlin, 2021 Insel Verlag Berlin
Briefe an seine Nachbarin

Großautor Marcel Proust und sein Geräusche-Horror

„Briefe an seine Nachbarin“ schrieb der französische Schriftsteller Marcel Proust, um sich auf sehr spezielle Weise über Lärmbelästigung zu beschweren. Deren Lektüre ist ebenso köstlich wie erhellend.
Neubrandenburg

Ein „Marcel Proust 2.0“ würde über jene Hörschärfe und Kauzigkeit verfügen, die notwendig sind, einer dieser Geräusche-Sammler der Digitalzeit zu werden: Menschen, die feinste, der Stille nahe Laute registrieren, sezieren, freifiltern, speichern und – nach Klo, Werkstatt, Büro, Natur, Schlafzimmer etc. – kategorisieren. Zum Downloaden. Allerdings, der Franzose wäre zugleich denkbar ungeeignet.

Denn Proust (1871-1922) entwickelte seinerzeit besagte Audio-Sensibilität, weil ihm quasi jeder Ton ein Störfaktor war. Als Geräuschphobiker legendär. Es kann nur erstaunen, dass der empfindliche Typ inmitten des temperamentvollen Paris die sieben Bände seines Mammut-Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, zweifellos das modernste Literatur-Spektakel der Belle Époque, zustande brachte.

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Beredt Zeugnis von der Eigenart des Autors legt das Bändchen „Briefe an seine Nachbarin“ ab. Marcel Proust logierte von 1906 bis 1919 in einer Sechs-Zimmer-Flucht im Boulevard Haussmann 102 und litt unter den Geräuschen – zeitweise Sanierungslärm – in der Praxis eines Zahnarztes und dessen Wohnung in den beiden Stockwerken über ihm.

Selbstredend polterte ein Proust nicht plump zurück: Der nahm eine respektvolle Korrespondenz mit der Arzt-Gattin Marie Williams, die dort die mittlere ihrer drei Ehen absolvierte, auf. Es entstand ein freundschaftliches, beinah intimes, bemerkenswert platonisches Verhältnis. Das Aparte: Die Briefe wurden nicht beim Nachbarn in den Türschlitz gesteckt, sondern postalisch zugestellt. Von Angesicht kannte man sich kaum.

Einblick in die Szene der Dandys und Diven

Prousts zwei Dutzend Briefe an die kunstsinnige Obermieterin, erst vor wenigen Jahren entdeckt, liegen nunmehr auf Deutsch vor. Fundstücke, deren Lektüre ebenso köstlich wie erhellend ist. Sie geben Einblick in die quecksilbrige Szene der Pariser Intellektuellen, Dandys und Diven jener Epoche. Proust plauderte Details über die Entstehung seines Roman-Werks aus und freute sich, „eine solche Leserin zu haben“.

Er lobte „Herz, Geist, Stil, Talent“ von Madame Williams, deren Antwortschreiben leider nicht erhalten sind. Des Öfteren wurden auch die Weltkriegsgräuel, so die Bombardierung der Kathedrale von Reims, thematisiert.

Marcel Proust litt zeitlebens an Krankheiten, echten und eingebildeten. Permanent unpässlich. Seine Feinnervigkeit in puncto Geräusche war nachgerade wahnhaft. Wie er sich in den Briefen zu Contenance aufrief, wenn er über Folterung wie Wasserpumpe-Klopfen, Parkett-Tappen, Hammer-Hall, durchdringendes Haushälterin-Organ, Handwerker-Konzerte in den Williams-Etagen beklagte, ist von unfreiwilliger Komik.

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Madame sollte die literarischen Vergleiche, die er für seine Beanstandungen heranzog, genossen haben. Proust kleidete sein Flehen um Ruhe und Gnade für Arbeit und Schlaf in Komplimente, scherzte, schickte Blumengrüße, ging auf Gefühle der Empfängerin ein, so auf ihre Musik-Leidenschaft. Stand ein Urlaub der Williams-Familie und also ein Vernageln der Reisekisten an, sah Proust Geräuschbelästigung voraus und bat prophylaktisch um Milde. Andererseits stellte sich der Autor, der in Leben und Literatur berühmt für seine Inszenierungen der Subjektivität menschlicher Wahrnehmung war, die Frage: Wie geht es mir, wenn tatsächlich Stille eintritt?

1500. Band der Insel Bücherei

Für Freunde und Sammler der Insel Bücherei ist dieser Band Briefe zusätzlich von Reiz: Es handelt sich um die Nummer 1500 der bekanntesten deutschen Buchreihe mit der ältesten buchgestalterischen Tradition. Sie wurde 1912 vom Verleger Anton Kippenberg für ein Publikum mit kleinem Geldbeutel gegründet. Ihre Editionsgeschichte spiegelt wie kaum eine andere Reihe die wechselvolle deutsche Historie in den vergangenen gut hundert Jahren.

Marcel Proust: Briefe an seine Nachbarin. Insel Verlag, Berlin, 2021. 117 Seiten, 14 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 19500 – 9.

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