GNTM-Kolumne
Heidis Mädchen auf Mission in Los Angeles

Als Matrjoschka trat Enisa vor die Jury.
Als Matrjoschka trat Enisa vor die Jury.
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In der vierten Folge von Germany's Next Topmodel begeben sich die Mädchen auf eine Mission nach Los Angeles. Ihr American Dream: Ein Haufen Jeans und als Bowlingpin möglichst lange stehen bleiben.

Für alle Freunde des gepflegten Fremdschämens steigen die verbliebenen Kandidatinnen in Staffel vier von Germany's Next Topmodel in der vierten Folge in den Social Media-Ring. Doch zuerst steht die Reise nach Los Angeles an, mit einer Mission, an der Scharen von Tennissockenträgern und Handtuchwerfern seit Jahrzehnten hart arbeiten: Den Ruf deutscher Touristen endlich vollends zu zerstören. Und das in nur fünfzehn Minuten.

Die Aufgabe klingt verhältnismäßig einfach. Denn diesmal sind weder zehn Meter tiefe Abgründe noch zehn Meter hohe Absätze noch Haifische beteiligt, bloß zwei Handys, mit denen die Teams ihre Instagram-Storys erstellen sollen. Doch die Rekrutierung von Kameramännern und Statisten auf dem Hollywoodboulevard gestaltet sich schwierig, kein Wunder: So wie die Mädchen kreischen und springen würde ich auch einen größeren Bogen um sie machen als um den mittwöchlichen BUND-Stand vor dem Einkaufszentrum.

#ScreamAsLoudAsYouCan

Bei den Umweltschützern kann man sich wenigstens sicher sein, dass sie einem nicht im Rudel hinterherjagen. Von #ScreamAsLoudAsYouCan war hier zwar nie die Rede, aber der geneigte Zuschauer weiß natürlich längst, dass lautes Schreien Paradedisziplin bei Germany's Next Topmodel ist, die einen im Zweifel in die nächste Runde bringt.

Wer den geistigen Ansprüchen der Influencer-Welt genügt und das richtige Format wählt (hochkant bei Instagram), darf gleich weiterschreien und sich in einer Garage voller gesponserter Klamotten im Black Friday üben. „Das ist doch der Traum von jedem Mädchen, dass man in einen Laden gehen kann und sich alles nehmen, was man möchte!”, schwärmen die Modelanwärterinnen. Ein Haufen Jeans als Mädchentraum – was ist nur aus dem guten alten Pony geworden?

In Level zwei steckt eine Reporterin von Bunte.de die Messlatte etwas höher und prompt scheitern ein paar Kandidatinnen an scheinbar einfachen Interviewfragen. „Ich habe nichts machen lassen. Letztes Jahr ein Filling”, antwortet Enisa, befragt nach dem Geheimnis hinter ihren vor Kurzem noch so vollen Lippen. Für Melissas sexuelle Orientierung interessiert sich die Journalistin auch, aber die ist da flexibel: „Ich bin hetero. Aber ich bin da offen. Also bi.”

Warum Stewardessen und nicht Pilotinnen?

18-Jährige werden mit der Frage nach ihrer Vorgeschichte traktiert. Wenn schon Eltern mit Migrationshintergrund nicht zählen, braucht man von der Kindergarten- und Grundschulkarriere wahrscheinlich nicht erst anfangen, doch nicht verzagen! Denn wo es aus Sicht der Medien noch an Inhalten fehlt, wird im Modelgeschäft ganz einfach äußerlich aufgepimpt. Und so hangeln sich die Models im folgenden Fotoshooting als bunte Stewardessen durch das Weltall. Ohne in den Tonus einer Tamponwerbung geraten zu wollen: Warum eigentlich als Stewardessen und nicht als Pilotinnen oder Astronautinnen? Vermutlich verhält es sich da ähnlich wie mit den Jeans und den Ponys und dem Spatz in der Hand.

Heidi jedenfalls findet in den Kostümen Inspiration für das legendäre Umstyling: „Siehst du, wie toll du aussiehst in Blau?” ruft sie Catharina zu, die eben noch zwischen Erde und Mars hing. Bei den Größenverhältnissen und der Anordnung würden auch Kopernikus, der auf seinem Wikipedia-Profilbild übrigens eine ähnliche Frisur trägt wie die Modelstewardessen, alle Haare zu Berge stehen. Aber die Kunst ist ja bekanntlich frei.

Hommage an die Altweiberfastnacht?

Das hat sich Marina Hoermannseder, die die sogenannten Kleider für den Entscheidungslauf entworfen hat, auch gedacht. In verstofflichten Behinderungen tippeln da Bowling-Pins und Matrjoschkapuppen über den Laufsteg, in denen irgendwo die Mädchen stecken sollen. Eine Hommage an die Altweiberfastnacht? Der Walk jedenfalls ist die wahre Challenge der Folge, denn, so die Anweisungen der Designerin, das Ganze darf nicht lächerlich rüberkommen. Gar nicht so leicht eine ernste Miene zu bewahren, während Heidi und Gastjurorin Winnie Harlow einen auslachen, zum Glück sieht Simone vor lauter Kostüm sowieso nichts.

Heidi stellt noch schnell die Weltordnung wieder her, indem sie Joelle aus der Sendung wirft, die in der vorherigen Folge nur durch das Veto der Gastjurorin gerettet worden war. In Einstimmung auf die Heimreise rutscht der glatt ein bisschen Kölsch heraus, ganz nach dem Motto „es kütt wie es kütt”. Für andere Mädchen kütt es anders. Sie kommen mit Fotos in die nächste Runde, auf denen es aussieht, als würden sie ein mit Sauerstoff unterversorgtes Kind mit riesigem Kopf gebären und nicht rittlings auf einer blauen Weltkugel sitzen.

Pinke Gelnägel, unbequeme Jeans, Thilo Sarrazin – es gibt Dinge, die lassen sich mit einem (wenn auch abgeschlossenen) Studium der Geisteswissenschaften nur schwer vereinbaren. Alle Jahre wieder der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel entgegenzufiebern, gehört mit Sicherheit dazu. Da braucht es schon gute Vorwände: Ironische Distanz vielleicht, oder eine Kolumne. Ab jetzt schreibt unsere Autorin Christine Gerhard regelmäßig über die Show. Hier geht es zu allen Beiträgen.