Im Archiv Bildende Künste MSE im Neubrandenburger Baumhaselweg hatte Heide-Marlis Lautenschläger ihre Ausstellung be
Im Archiv Bildende Künste MSE im Neubrandenburger Baumhaselweg hatte Heide-Marlis Lautenschläger ihre Ausstellung bereits vorbereitet. Lautenschläger
Künstlerin wird 80

„Ich nehme Anteil, und ich nehme Stellung”

Jubilarin Heide-Marlis Lautenschläger hat neben ihrem Wirken als Malerin und Grafikerin einiges auf den Weg gebracht – vor allem das Archiv Bildende Kunst der Seenplatte.
Zachow

Weit reicht der Blick aus dem Fenster über die Landschaft bei Zachow. Geradezu sinnbildlich weit für die Malerin und Grafikerin Heide-Marlis Lautenschläger, die fast ihr halbes Leben lang hier zu Hause und wohl ihr ganzes Leben lang darauf bedacht ist, den Blick zu weiten.

Über eine Gartenbau-Lehre und viele, viele Zirkel war die gebürtige Neubrandenburgerin zu ihrer künstlerischen Bestimmung gelangt, bei der sie es indessen nicht beließ: Sie war Landtagsabgeordnete, sie entdeckte das Bücherschreiben für sich, und nicht zuletzt brachte sie eine Initiative auf den Weg, um das Erbe bildender Künstler für die Region zu bewahren. Im daraus entstandenen Archiv „Bildende Kunst MSE“ hätte dem80. Geburtstag, den Heide-Marlis Lautenschläger jetzt gefeiert hat, eine Ausstellung gewidmet sein sollen – doch die Pandemie hat's verhindert. Aufgeschoben ins nächste Jahr, für das die engagierte Frau längst weitere Pläne hat.

Als Landtagsabgeordnete „ein bisschen was erreicht“

„Ich war schon immer aktiv. Ich nehme Anteil, und ich nehme Stellung“, beschreibt sie ihr Selbstverständnis. „Es geht immer noch besser“, ist ein Satz, den die Tochter eines Kunsterzieherpaares schon als Kind verinnerlichte. Selbst Künstlerin zu werden, schien ihr lange unerreichbar: „Das war, als wolle man König werden.“ Doch neben Beruf und Zirkeltätigkeit blieb da immer noch Luft für ihre Leidenschaft, in die sie sich „richtig reinkniete“ und mit der sie sich 33-jährig zum freiberuflichen Leben entschloss.

Immer mit dem Wunsch, mehr zu leisten, für ihre eigene Entwicklung und für andere. „Wenn die Kinder groß sind, legst du so richtig los“, hatte die nach dem Ende ihrer ersten Ehe Alleinerziehende beschlossen. Dann kam die Wende; kam die Entschlossenheit, die mit dem Zentrum Bildende Kunst in Neubrandenburg aus dem Nichts aufgebaute Kunstszene der Region nicht wieder zerfallen zu lassen; damals kam auch der Vorschlag, für den Landtag zu kandidieren.

Acht Jahre lang engagierte sich die Künstlerin in der Landespolitik, in Zeiten von Theater-, Bildungs-, Hochschulreform. „Ein bisschen was erreicht zu haben“, lautet ihre Bilanz, „verschwindend wenig“, behauptet sie, fürs Restauratorengesetz etwa oder für den Umzug von Hans Falladas Nachlass an dessen einstigen Lebensort Carwitz. Zum Malen kam sie kaum in dieser Zeit, erneut galt: „Aber dann!“ Aber dann kümmerte sie sich um die pflegebedürftige Mutter, formte ihr Leben zu dem Buch „Spinnweb“, arbeitete ein weiteres Mal mit der Aussicht: „Aber dann!“

Das Spannende an jeder Art von Arbeit

Und dann kam das Archiv. An dieser Stelle muss angemerkt werden: Der stets vorantreibende Vorsatz sollte nicht übersehen lassen, dass in all dieser Zeit auch ein beachtliches künstlerisches Werk entstand. Eines, das ebenfalls den Anspruch atmet, „immer tiefer hinein zu bohren. Das ist das Spannende an jeder Arbeit“, sagt Heide-Marlis Lautenschläger, deren Biografie eine große Zahl Ausstellungen ausweist, viele im eigenen Lande, einige bis hin nach Japan, und in jüngster Zeit die regelmäßige Teilnahme an der „Grafik Nord“.

Die Corona-Zeit nutzte die Künstlerin auch, um ein Werkverzeichnis zu erstellen. Ehrensache, dass ein Vorlass ihres Schaffens bereits zum „Archiv Bildende Kunst MSE“ gehört. Die Idee zu dieser Sammlung hat ihren Ursprung in einer Problematik, auf die Heide-Marlis Lautenschläger einst im Gespräch mit der Ehefrau des inzwischen hochbetagten Bildhauers Wieland Förster aufmerksam wurde: Was wird eigentlich aus dem Erbe verstorbener Künstler? Geht es der Nachwelt verloren, weil Zeit oder Platz fehlen, den Nachlass zu pflegen? In Adele Krien, langjährige Kulturkoordinatorin des Landkreises Seenplatte, fand die Künstlerin eine erste Mitstreiterin – und bald auch weitere – für die Idee eines Archivs für Vor- und Nachlässe von Persönlichkeiten, denen die Kunstszene der Region bleibende Spuren verdankt.

Auf dem Wunschzettel: Feste Stelle und kunstvoller Giebel

Vor sechs Jahren auf den Weg gebracht, hat das Archiv nun ein präsentables Domizil in der einstigen Sprachheilschule am Neubrandenburger Baumhaselweg. Ein Team ehrenamtlicher Akteure kümmert sich um Inventarisierung, Archivierung und Digitalisierung der Bestände. Dafür eine feste Stelle etablieren zu können, ist ihr inniger Wunsch. Und eine weitere Idee, den Giebel des Zweckbaus künstlerisch zu gestalten.

Zunächst hoffen alle, im neuen Jahr die wöchentliche Arbeit und – vielleicht zum Tag der Archive? – auch das öffentliche Wirken wieder aufnehmen zu können. „Die Ausstellung steht, sie hängt nur noch nicht“, sagt Heide-Marlis Lautenschläger verschmitzt über ihre eigene Schau. Eine weitere möchte sie für die Zachower Dorfkirche vorbereiten, mit einer Auswahl all der Zeichnungen, in denen sie vor und seit fast 40 Jahren ihre Wahlheimat festhält. Zudem steht auf ihrem Ausstellungsplan der Mai-Salon in Ludwigshof nahe der polnischen Grenze, am liebsten verbunden mit der Buchpremiere ihres neuen Romans „Tausend Fuss über Grund“, der in den vergangenen Jahren entstand. „Das hat einen Spaß gemacht“, schwärmt die Künstlerin, „ich könnt’ schon wieder!“ Denn der Blick reicht weit, und nicht nur der aus dem Fenster …

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