Iveta Apkalna ist am Donnerstag und Freitag in der Neubrandenburger Konzertkirche zu erleben.
Iveta Apkalna ist am Donnerstag und Freitag in der Neubrandenburger Konzertkirche zu erleben. Frank Wilhelm
Iveta Apkalna beim Sonnenaufgangs-Konzert am Ostseestrand im Juli in ihrer Heimat Lettland.
Iveta Apkalna beim Sonnenaufgangs-Konzert am Ostseestrand im Juli in ihrer Heimat Lettland. Artis Veigurs
Interview Iveta Apkalna

„Ich sehe mich auch als Seelenärztin“

Im Interview: Musikerin Iveta Apkalna. Das Programm der ihrer Konzerte in Neubrandenburg hat sie auch unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine zusammengestellt.
Neubrandenburg

Sie haben im Sommer auch wieder Lettland besucht. Wie haben Sie ein halbes Jahr nach dem Beginn des Krieges Ihre Heimat erlebt?

Ich befinde mich als Künstlerin natürlich auf der schönen Seite. Ich sehe mich aber auch als Seelenärztin für meine Zuhörer. Kunst gibt unseren Seelen Nahrung. Es gibt gute Zeiten, aber auch schlechte Zeiten, in denen diese Nahrung besonders wichtig ist. Solch eine Zeit erleben wir gerade mit dem Krieg. Ich war sehr froh, in meiner lettischen Heimat wieder mein Sonnenaufgangs-Konzert spielen zu dürfen. Unter den 5000 Besuchern am Ostseestrand waren viele Menschen aus der Ukraine und natürlich auch Russisch sprechende Leute. Aber ich muss bei solch einem Konzert die Menschen nicht danach sortieren, woher sie kommen. Das Konzert hat mir gezeigt, dass Musik uns alle zusammenbringen kann.

 

Ihre Mutter lebt in Lettland, Sie haben dort viel Verwandte und Freunde. Wie beeinflusst der Krieg die Menschen in Ihrer Heimat?

In Lettland ist Gott sei dank alles ruhig. Aber in jedem Gespräch taucht das Thema Ukraine-Krieg auf. Ich kann als Musikerin nicht viel gegen den Krieg machen, ich kann nur wunderschöne schwarze und weiße Tasten auf einem königlichen Instrument drücken. Aber ich packe jetzt viel mehr in die Auswahl der Stücke und in die Interpretation rein als vor dem 24. Februar.

 

Die Bilder Ihres Sonnenaufgangs-Konzertes sehen phänomenal aus. Wie muss man sich solch ein Konzert in aller Herrgottsfrühe am Strand vorstellen?

Dieses Jahr fand das Sonnenaufgangskonzert bereits zum vierten Mal statt. Das fünfte Konzert ist bereits für den 16. Juli 2023 geplant. Es findet am Strand von Jurmala bei Riga, direkt vor dem bekannten Dzintaru-Konzerthaus statt. Als ich vor einigen Jahren auf die Idee kam, hat mich das Konzerthaus von Anfang an unterstützt. Zu Beginn war es natürlich ein Risiko. Mittlerweile erleben viele Menschen das Konzert aber als eines der wichtigsten musikalischen Events im Sommer. Die Menschen kommen von überall extra zu dem Sunrise-Konzert. Tatsächlich ist es einmalig, Orgel-Musik zu hören, während die Sonne kurz vor 5 Uhr im Meer aufgeht.

Ist das unter freiem Himmel nicht auch ein Risiko?

Natürlich, jedes Mal ist die Natur anders. Der Regisseur sitzt da oben im Himmel. Ich kann alles einstudieren, ich kann alles vorbereiten, wir können das super beschallen, aber am Ende kommt der Hauptspieler von oben. Deshalb ist es für alle ein einmaliges Erlebnis. Ich kann auch nicht mehr ohne mein Sonnenaufgangs-Konzert leben.

 

Sie sind doch aber als Musikern, die in der Regel abends auftritt, eher keine Frühaufsteherin?

Oder aber, ganz ehrlich, ich gehe gar nicht erst schlafen. Weil der Strand tagsüber sehr belebt ist, können wir erst abends proben, bis weit in die Nacht hinein. Dann bleiben oft nur ein, zwei Stunden Schlaf übrig. Dieses Jahr konnte ich kein Auge vor dem Konzert schließen. Ich spiele aber öfter zu ungewöhnlichen Tageszeiten. Die lettische Orgelnacht im Juni im Konzerthaus Berlin hat Mitternacht begonnen. Am 30. April 2023 werde ich den Faust-Zyklus im Konzerthaus aufführen, diese Veranstaltung wird auch erst Mitternacht beginnen, schließlich handelt es sich um die Walpurgisnacht.

 

Sie müssen doch aber auch oft nachts proben?

Ja, in vielen Konzertsälen, beispielsweise in der Elbphilharmonie. Da darf ich erst ab Mitternacht rein. Wir Organisten müssen tatsächlich sehr flexibel sein und trotzdem immer die beste Leistung zeigen. Das ist manchmal auch ein bisschen sportlich, man muss sich auf jeden Fall körperlich und geistig fit halten.

 

Sie hatten das Stichwort Faust genannt. Das Programm war mit dem Sprecher Stefan Kaminski auch für Neubrandenburg geplant, musste aber wegen einer Erkrankung Kaminskis geändert werden. Gibt es Hoffnung auf das Programm für den Sommer 2023?

Die Hoffnung besteht bestimmt. Ich möchte das Programm sehr gerne auch in Neubrandenburg spielen. Aber ich kann es nicht für den nächsten Sommer versprechen, weil es schon andere Planungen mit den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern gibt. Vielleicht eher in zwei Jahren. Ich habe das Programm selbst noch gar nicht aufführen können. Es sollte schon 2020 in Berlin Premiere feiern, musste aber wegen der Pandemie verschoben werden, genauso wie zweimal in Neubrandenburg. Das ist hart, aber vielleicht gibt es einen Grund. Faust spricht mit uns und möchte uns was mitteilen?!

 

Sie bieten den Klassikfans in Neubrandenburg ein buntes Programm, mit dem Sie erneut zeigen, dass es außer Johann Sebastian Bach viele andere sehr gute Orgel-Komponisten gibt?

Einerseits mag das Programm bunt aussehen, andererseits sind die verschiedenen Stücke miteinander verbunden. Die Widor-Sinfonie, die üblicherweise in Konzerten im zweiten Teil gespielt wird, setze ich an den Anfang des Konzertes. Das ist eine Herausforderung, nicht nur, weil sie mehr als 40 Minuten dauert. Im Finale kommt man als Spieler dieser Sinfonie zu einem freudigen Punkt, nach dem man eigentlich nicht mehr spielen kann.

 

Sie spielen dann aber trotzdem weiter?

Natürlich. Der zweite Teil soll Richtung Moderne gehen, Bach darf aber auch nicht fehlen. Da die vier Werke nach der Pause tonartig sehr schön miteinander verbunden sind, könnte man sie eigentlich auch wunderschön ohne Pausen hintereinander spielen. Das ist aber nicht meine Art, ich mag es nicht ohne Pause und ohne Applaus.

Das Stück von Lionel Rogg ist sehr pittoresk. Er hat sich beim Komponieren vorgestellt, dass eine wunderschöne Frau mit einem Drachen spricht und nicht kämpft. Diese Bilder kann man beim Hören der Musik sehen. Wie eine kraftvolle, schöne, feminine Welt dieses heftige Tier einlädt und vielleicht sogar umarmt. Es ist natürlich kein Zufall, dass ich solch ein kämpferisches Stück jetzt spiele. Ich will zeigen, welche humanen Kräfte in einem Menschen tatsächlich wichtig sind. Soll wirklich derjenige, der am lautesten schreit und das meiste Feuer hat, der Gewinner sein?

 

Sie schwärmen sehr von diesem Werk.

Ja, es ist faszinierend, wie sich das Stück im zweiten Teil von den leisen, kleinsten Registern in drei Minuten bis zum vollen Tutti-Klang der Orgel aufbaut, wie die Spannung wächst. So möchte ich auch musikalisch feiern, wenn dieser Krieg zu Ende ist. Ich stelle mir vor, wie aus dem Nichts, das der Krieg an vielen Orten hinterlässt, eine himmlische Stadt entsteht. Ich glaube nicht, dass sich Lionel Rogg, als er das Stück 1995 komponierte, vorstellen konnte, mit welcher Begründung ich jetzt sein Werk spiele. Ich habe es schon öfter gespielt, aber mit ganz anderen Emotionen.

 

Es folgt ein Werk von Thierry Escaich, einem zeitgenössischen französischen Komponisten.

Die Bewegung, die in diesem Stück steckt, berührt uns alle. Es ist wie ein permanentes Rennen, was alle Soldaten an der Front, die für uns physisch kämpfen, jede Sekunde spüren. Leider haben viele schon mit ihrem Leben für unsere Freiheit bezahlt. Vor diesem Hintergrund schließt sich Bachs Choral „Komm süßer Tod“ an. Und am Schluss gibt es Aivars Kalejs‘ schöne Auferstehung mit Toccata „Allein Gott in der Höh sei Ehr“. Ich glaube, Gott weiß und Gott sieht und Gott wird dann auch richtig für uns alle entscheiden.

 

Es ist beeindruckend, wie viel Interpretationsmöglichkeiten diese Musik bietet.

Auf den ersten Blick können die Werke des zweiten Teils als beliebig zusammengesetzte Stücke erscheinen. Aber diese Stücke erzeugen heute ein ganz anderes Bild in mir als vor einem halben Jahr. Ich hoffe, dass das Publikum dies auch verstehen und miterleben kann.

 

Wenn Sie im Konzert zu erleben sind, wirkt alles elegant und leicht, als ob Ihnen die Musik zufällt. Wer Sie kennt, weiß aber, dass Sie sehr hart üben. In der Neubrandenburger Konzertkirche sollen Sie auch schon nachts stundenlang geprobt haben. Wird man Sie dieses Mal auch nachts hören können?

Ich liebe die Konzertkirche und genieße ein super Privileg. Ich darf dort tagsüber üben. Ich werde immer so warmherzig willkommen in Neubrandenburg, ich fühle mich tatsächlich wie zu Hause. Viele Menschen kümmern sich um mein Wohlgefühl, um Leib und Seele. Tatsächlich werde ich einen Tag vorher lange üben, denn das ist ein Konzert mit zwei großen Programmteilen, die ich vorbereiten muss. Aber ich genieße diesen Probentag, weil mich nur meine Inspiration treibt und nicht das ständige Gucken auf die Uhr.

 

Wenn man Sie nachts wecken und an eine Orgel setzen würde – wie lange könnten Sie ohne Noten spielen?

Ich glaube lange, bestimmt bis zum Sonnenaufgang. Die Frage ist nur, ob das auch Sinn macht. Ich habe aber tatsächlich ab und zu überlegt, was ich wohl spielen würde, wenn ich plötzlich nachts spielen müsste. Es wären zwei Werke aus diesem Programm, Escaich und Kalejs, weil die mich beide aufwecken würden. Ich glaube, ich würde nicht viel Bach spielen, weil ich für diese Polyphonie richtig wach sein müsste.

 

Iveta Apkalna gastiert am 1. und 2. September wieder in der Neubrandenburger Konzertkirche. Die mit ihrer Familie in Berlin lebende Musikerin stammt aus Lettland, wo mit besonders wachsamem Auge auf den Angriffskrieg Russlands geschaut wird.

Heimweh - der Newsletter für Weggezogene

Der wöchentliche Überblick für alle, die den Nordosten im Herzen tragen. Im kostenfreien Newsletter erzählen wir jeden Montag die Geschichten von Weggezogenen, Hiergebliebenen und Zurückgekehrten und zeigen, wie die Region sich weiterentwickelt.

Jetzt schnell und kostenfrei anmelden!

zur Homepage